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Interview

Oberster Bankier der Schweiz: «Wir haben unseren Ruf verbessert»

Der oberster Bankier der Schweiz, Herbert J. Scheidt, spricht über Boni-Exzesse in der Branche, das EU-Rahmenabkommen und darüber, wie viel Geld die Schweizer Finanzinstitute der Nationalbank wegen des Negativzinses jährlich zahlen müssen.
Patrik Müller und Beat Schmid
Herbert J. Scheidt am Swiss International Finance Forum in Bern. (Bild: Bild:)

Herbert J. Scheidt am Swiss International Finance Forum in Bern. (Bild: Bild:)

Als Sie im Herbst 2016 Ihr Amt antraten, setzten Sie sich das Ziel, das Ansehen der Bankbranche wieder zu steigern. Ist Ihnen das gelungen?

Herbert Scheidt: Ja, es ist der Branche gelungen. Sie hat den Strukturwandel der letzten Jahre sehr gut gemeistert. Wir sind heute eine transparente Branche und haben den automatischen Informationsaustausch eingeführt. Mittlerweile ist allen klar, dass man in der Schweiz keine Gelder mehr verstecken kann. Dieser Prozess hat dazu geführt, dass der Finanzplatz international mit anderen Augen betrachtet wird. Darauf können wir als Branche, aber auch als Land stolz sein.

Und doch haben die Banken weiterhin mit Altlasten zu kämpfen, wie das Beispiel der Milliardenbusse gegen die UBS in Frankreich zeigt. Wie lange bleibt das noch so?

Aus unserer Sicht ist die Vergangenheit abgeschlossen. Es gibt aber noch eine Reihe von Staaten, die leere Kassen haben und gerne in die Vergangenheit blicken, um etwas finden zu können, woraus sie einen materiellen Mehrwert schlagen können.

Wenn man heute über die Banken spricht, dann spricht man über die hohen Saläre der Grossbankenchefs. Diese Saläre beschädigen doch den Ruf der ganzen Branche.

Als Branche haben wir viel unternommen und damit den Ruf verbessert: Wir haben die Regulierungswelle bewältigt und dafür gesorgt, dass auch kleinere Banken wettbewerbsfähig bleiben können. Wir haben die Überwachungsfunktionen in den Banken, die sogenannte Compliance, massiv ausgebaut. Heute sind unsere Banken stabil, transparent und sehr gut kapitalisiert. Dann haben wir international viel für das Ansehen des Bankenplatzes getan. Mit Ueli Maurer haben wir einen Bundesrat, der sich wie kein zweiter für den Finanzplatz starkmacht. Er hat erkannt, was notwendig ist, um den Bankenplatz international auszurichten. Er ist ein ausgezeichneter Botschafter.

Nochmals: Wie vertragen sich hohe Bankerlöhne mit Ihrem Anspruch, einen guten Ruf aufzubauen?

Zum Thema Löhne möchte ich nichts sagen. Das ist eine Angelegenheit der Generalversammlungen der einzelnen Institute, und das ist auch durch die Bestimmungen der Minder-Initiative geregelt. Das, was die Reputation der Banken ausmacht, ist die Qualität ihrer Services und ihre Rolle innerhalb der Volkswirtschaft.

Unterschätzen Sie nicht die Sprengkraft der Bezüge der beiden Grossbankenchefs und der Führungsleute bei Raiffeisen, wo die Spitzenlöhne ebenfalls gestiegen sind?

Die Branche besteht aus 253 Banken und über 130 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, nicht nur aus zwei Grossbanken und Raiffeisen. Darüber hinaus stehen die Grossbanken im weltweiten Wettbewerb und müssen darauf schauen, was weltweit bezahlt wird. Die Schweiz will zwar internationale Gesellschaften hier haben, auch grosse Pharmafirmen wie Roche und Novartis. Aber bei den Löhnen will man Schweizer Standards. Das ist die Problematik.

Der Vergleich stimmt doch nicht. Roche, Novartis und Nestlé spielen weltweit in der ersten Liga. Bei den Grossbanken dagegen ist das nicht mehr so. Die UBS und Credit Suisse sind im Vergleich zu den US-Banken massiv zurückgefallen. Nur bei den Löhnen will man weiterhin in der Topliga mitspielen

Es war ja keine freiwillige Aktion der Schweizer Grossbanken, die Bilanzen zu halbieren. Sie mussten sich von Teilen des Investmentbankings verabschieden. Das war das erklärte Ziel der Regulierung.

Das ist der Punkt. Die Banken sind geschrumpft, aber die Löhne sind es eben nicht…

Wie gesagt, diese Banken stehen im internationalen Wettbewerb.

Als Verband sind Sie auch politischer Akteur. Die Bankiervereinigung adressiert viele Themen: AHV-Steuerdeal, Konzernverantwortungs-Initiative oder Rahmenabkommen. Kann Ihre Branche angesichts der neuentfachten Boni-Debatte noch glaubwürdig für das Rahmenabkommen werben?

Beim Rahmenabkommen stehen für uns vor allem volkswirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Sie wissen auch, dass die Bankbranche einen sehr begrenzten Marktzugang zu Europa hat.

Was sich ja mit dem Abkommen nicht ändern würde . . .

Wir gehen davon aus, dass sich ohne Rahmenabkommen der Status quo über die Zeit drastisch verschlechtern würde und damit auch die Möglichkeit, einen besseren Marktzugang zu erhalten. Die EU ist unser allerwichtigster Handelspartner.

Mit welchen konkreten Verschlechterungen rechnen Sie?

Die Frage wird sein, in welchem Ausmass eine Schweizer Bank noch grenzüberschreitende Dienstleistungen anbieten kann. Kann sie das nur noch bei bestehenden Kunden? Darf sie neue Kunden ansprechen? In der Vergangenheit war das toleriert. Heute ist das immer weniger möglich.

Wie viel Geld steht da auf dem Spiel?

Wir verwalten 1000 Milliarden an Geldern aus der EU, das sind 44 Prozent des gesamten Kuchens im grenzüberschreitenden Geschäft. Daraus werden jährlich Steuereinnahmen von 1,5 Milliarden Franken generiert. Etwa 20000 Bankmitarbeiterinnen und -mitarbeiter arbeiten heute in diesem Bereich. Das Gefährliche ist, dass alle sagen, es passiert nichts, wenn das Abkommen nicht unterschrieben wird. Klar, es wird keinen Knall geben, aber es wird in einer schleichenden und im Endeffekt drastischen Verschlechterung unserer Konkurrenzfähigkeit resultieren.

Unabhängig vom Rahmenabkommen: Wird die Zahl der Arbeitsplätze auf dem Schweizer Bankenplatz weiterhin schrumpfen?

Die Banken und Vermögensverwalter beschäftigen in der Schweiz aktuell rund 136000 Menschen. Diese Zahl ist gleich gross wie vor zehn Jahren. Hinzu kommen – ganz wichtig – weitere 173000 indirekte Banken-Beschäftigte in der Schweiz. Das sind Jobs, etwa in der IT.

Eine Belastung für die Banken bleiben die Negativzinsen der SNB. Wie weiter?

Wir sehen und anerkennen das Motiv der Nationalbank, mit den Negativzinsen die Frankenstärke einzudämmen. Doch sie sind ein grosses und wachsendes Problem für Sparer, Pensionskassen und Banken. Allein die Banken lieferten letztes Jahr 2 Milliarden Franken an die Nationalbank ab. Auf Dauer beschädigen die Negativzinsen die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Banken und somit die Volkswirtschaft.

Herbert J. Scheidt (68) ist seit 2016 Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, die die Interessen von 253 Banken in der Schweiz vertritt. Der deutsch-schweizerische Doppelbürger ist zudem seit 2011 Verwaltungsratspräsident der Bank Vontobel.

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