Nussbaum setzt sich durch

Die Thurgauer Nussbaum-Gruppe liegt im Streit mit der Gewerkschaft IG Metall. Es geht um Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsverträge in einem deutschen Werk. Verlagerungen und Kündigungen aber dürften kein Thema mehr sein.

Thomas Griesser Kym
Drucken
Teilen
Die Nussbaum Matzingen AG ist das Stammwerk der Nussbaum-Gruppe, deren Patron im Clinch mit der deutschen IG Metall ist. (Bild: Ralph Ribi)

Die Nussbaum Matzingen AG ist das Stammwerk der Nussbaum-Gruppe, deren Patron im Clinch mit der deutschen IG Metall ist. (Bild: Ralph Ribi)

MATZINGEN. Gewerkschaften in Deutschland können zuweilen ziemlich militant sein. Davon kann die Lufthansa ein Lied singen. Oder die Deutsche Bahn. Und nun auch die Thurgauer Nussbaum-Gruppe. Das Familienunternehmen mit Hauptsitz in Matzingen, das Dosen und Tuben entwickelt, herstellt und bedruckt, hat auch zwei Werke ennet der Grenze, das eine im sächsischen Frankenberg, das andere in Rielasingen im Landkreis Konstanz. Diese Fabrik mit 115 Beschäftigten gehört seit 2001 zu Nussbaum. «Lange Zeit ging alles gut», heisst es seitens der Gewerkschaft IG Metall. Doch 2014 habe Firmeninhaber Florian Nussbaum den regionalen Flächentarifvertrag – das deutsche Pendant eines Gesamtarbeitsvertrages (GAV) – per Ende 2015 gekündigt. Laut der IG Metall wollte Nussbaum als Ersatz einen Haustarifvertrag abschliessen – mit der Absicht, Löhne zu senken und künftige Lohnerhöhungen nach eigenem Gusto vornehmen zu können.

Gewerkschafter in Rage

Nach längeren Verhandlungen einigten sich die Parteien im Juli 2015 auf ein Eckpunktepapier. Wenig später aber habe Nussbaum per Aushang kundgetan, dass entweder von den sechs Produktionslinien des Rielasinger Werks deren zwei (die laut IG Metall für 60% der Fertigung stehen) verlagert würden, verbunden mit betriebsbedingten Kündigungen, oder mindestens 85% der Angestellten müssten Einzelarbeitsverträge unterzeichnen. «Ziel dabei waren Arbeitszeiterhöhungen und massive Lohnkürzung für Neuangestellte», urteilt Gewerkschafter Thorsten Schlicht. Er unterstellt Nussbaum ein «monarchistisches Selbstverständnis», spricht von einem «Erpressungsmanöver» und wirft ihm vor, die Mitarbeitenden «unter grossen Druck gesetzt» zu haben. Und obwohl 90% der Beschäftigten Einzelarbeitsverträgen zugestimmt hätten, habe Nussbaum anschliessend als Folge eines Streits mit dem Betriebsrat über den Lohn eines Elektrikers die Zusage, von der Verlagerung abzusehen, widerrufen.

Der Patron kontert

Florian Nussbaum wehrt sich. «Unsere Mitarbeitenden haben den Kopf geschüttelt über die Darstellung der Gewerkschaft. Wir haben stets offen informiert.» Laut dem Unternehmer war die Verlagerung bereits integraler Bestandteil des Eckpunktepapiers und der IG Metall somit bekannt. Alternative war die Lösung über Einzelarbeitsverträge. Nussbaum sagt, das Werk Rielasingen müsse «aus wirtschaftlicher Notwendigkeit» rentabilisiert werden, um im Wettbewerb bestehen zu können. Der Standort habe seit Herbst 2014 «mehr Ergebnis verloren als erwartet. Die Produktionsleistung verharrt weiterhin auf völlig ungenügendem Niveau», und «die Motivation sei auf einem Tiefpunkt» gewesen. Und dann sagt Nussbaum, in seinen Schweizer Werken am Hauptsitz in Matzingen (135 Mitarbeitende) und in Kesswil (76 Mitarbeitende) sowie im sächsischen Frankenberg unterstehe er keinem GAV – doch die Leistung sei besser, «weil wir einen ständigen Dialog mit unseren Leuten pflegen». Unia-Gewerkschafter Erich Kramer bestätigt, er habe Nussbaum vor ein paar Jahren in Sachen GAV kontaktiert, doch erfolglos.

Verlagerung sei vom Tisch

Über die beiden Optionen für Rielasingen sagt Nussbaum, mit der Reduktion von sechs auf vier Linien und einer Sechs-Tage-Schicht wäre man schlanker, effizienter und profitabler geworden. Die inzwischen von 94% der Belegschaft akzeptierte Alternative der Einzelarbeitsverträge erlaube es, die 2006 eingeführte Arbeitszeitverlängerung von 35 auf 40 Stunden pro Woche, die gemäss Flächentarifvertrag Ende 2015 ausläuft, weiterzuführen. «Druck wurde keiner ausgeübt», sagt Nussbaum, vielmehr hätten die Mitarbeitenden die Vorteile erkannt. So erhielten sie eine Besitzstandgarantie, der Standort bleibe erhalten, es gebe keine Verlagerung. Nussbaum räumt ein, Lohnerhöhungen gemäss Flächentarifvertrag gebe es nicht mehr automatisch; künftig dienten die Inflation und das wirtschaftlich Verkraftbare als Basis. Dafür würden die Mitarbeitenden, wie bereits in Frankenberg, mit einer Prämie am Unternehmenserfolg beteiligt.

Aufgrund «der erfreulich guten Leistung in den Schweizer Werken» kehrten diese nächstes Jahr zur 42-Stunden-Woche zurück, nachdem man die Arbeitszeit wegen des Frankenschocks auf 43,5 Stunden erhöht hatte. Für ihre gute Leistung erhielten die Matzinger Beschäftigten zudem eine Erfolgsprämie. Ferner sagt Nussbaum, am Standort Schweiz sei ein Investitionsprogramm über 9 Mio. Fr. aufgegleist. Und in Rielasingen investiere man, «wegen des deutlichen Votums der Beschäftigten und der zurückgekehrten Motivation», 2 Mio. € – «wie geplant».

Aktuelle Nachrichten