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«Nur Sklaven sind ständig erreichbar»

Buchautorin Anitra Eggler plädierte am KMU-Tag für einen gesunden Umgang mit der Digitalisierung – und das sehr pointiert.
Thorsten Fischer
Anitra Eggler Autorin und Digitaltherapeutin (Bild: (Ralph Ribi))

Anitra Eggler Autorin und Digitaltherapeutin (Bild: (Ralph Ribi))

Buchautorin Anitra Eggler plädierte am KMU-Tag für einen gesunden Umgang mit der Digitalisierung – und das sehr pointiert.

Sie legen den Finger gerne auf die wunden Punkte des digitalen Lebensstils. Früher waren Sie in der Branche als Start-Up-Managerin selbst hautnah dabei. Was hat Sie zum Umdenken bewegt?

Ich habe an vielen Tagen bis Mitternacht gearbeitet. Das Handy nahm ich dann häufig noch mit ins Bett. Niemand hatte mich dazu gezwungen. Es war einfach blinder Aktionismus. Was zählte, war, dass man kommunizierte – die Inhalte waren zweitrangig. Mir wurde klar, dass Abschalten zwischendurch extrem wichtig ist – nur Sklaven sind ständig erreichbar. Dennoch wird heute in Stellenanzeigen immer noch der Krake gesucht, der 666 Dinge auf einmal tun kann. Dabei sagt dir jeder Hirnforscher: Multitasking ist Körperverletzung – an dir selbst. Niemand kann es, nicht mal Frauen. Und dass 68 Prozent der Handybesitzer an eingebildetem Vibrationsalarm leiden, ist auch kein gutes Zeichen.

Müsste der Alltag aber nicht viel massiver digitalisiert werden? Kluge Software kann den Menschen doch immer mehr Arbeit abnehmen.

Möchten Sie noch mehr Smartphone-Zombies – Kopf nach unten, Bussi-Emojis in den Äther der digitalen Bedeutungslosigkeit tippend – über Hauptverkehrsstrassen bei Rot taumeln sehen? Jede Software ist nur so schlau wie sein Anwender. Das ist das Dilemma! Sehen Sie sich mal die vielen Menschen an, die fehlendes «smart» im eigenen Hirn durch ein Smartphone substituieren möchten. Theoretisch haben wir so viele Werkzeuge wie nie, die uns Arbeit abnehmen und Zeit sparen können. Die Realität ist: Wir fühlen uns permanent in Zeitnotstand und gehetzt wie nie. Wichtig zu erkennen ist: Das Betriebssystem für digitale Evolution ist der Mensch, und der hat limitierte Ressourcen. Beim Versuch, schneller und schlauer als die Geräte zu sein, kommen viele nicht mehr mit. Erschöpfen. Oder synchronisieren versehentlich die sexy Chat-Fotos von Tinder mit der Familien-Cloud. Autsch.

Kann man das nicht steuern?

Der Alltag ist bereits so massiv digitalisiert, dass Menschen mit überdurchschnittlichem IQ und abgeschlossenem Hochschulstudium nicht mehr kapieren, was bei ihnen wo und wie und in welche Cloud synchronisiert wird – geschweige denn, wer die Daten mitlesen, verwenden und verkaufen kann. Die viel gepriesene Konvergenz ist ein Anwender- und Datensicherheitsalbtraum. Wo smart draufsteht, ist Überwachung drin. Die andere Seite der Macht ist die: Big Data ist das Wettbewerbskriterium von heute und morgen. Wer in der Lage ist, Daten klug zu sammeln, auszuwerten und zu vernetzen, hat Wettbewerbsvorteile. Das fängt an bei der Analyse der Besucherdaten auf der eigenen Website.

Konzerne und Staat werden für die Überwachung kritisiert. Aber wünschen wir uns selbst nicht immer mehr Kontrolle – mit Armbändern und Smartphones, die alle Tätigkeiten aufzeichnen?

Ja. Ist das nicht verrückt? Selfiewahn und Selbstoptimierungszwang führen dazu, dass wir uns freiwillig versklaven. Wir verschenken unsere wertvollsten biometrischen Daten. Mehr noch: Wir zahlen sogar noch richtig viel Geld dafür, dass wir uns datenbaggernde und dopamindealende Messgeräte ums Handgelenk binden. Ich war früher eine der ersten, die zum Laufen den Chip im Schuh hatte. Irgendwann wurde mir bewusst, das macht mich unfrei. Ich weiss doch selbst, ob ich viel gelaufen bin oder wenig. Und in welcher Stimmung ich dabei war, geht nur mich was an.

Wie schafft jede und jeder Freiraum im digitalen Alltag?

Offline in den Tag starten. Selbstbestimmt zweifelhafte reaktive Rituale brechen. Also: Statt «erst checken, dann strecken, und erst auf Whatsapp, dann aufs Klo und dann mit Facebook aufs Klo und dort <den ersten Scheiss> posten» – sich ganz analog hinsetzen, dankbar sein, dass man lebt, Kaffee oder Tee mit allen Sinnen geniessen und überlegen: Was will ich heute von diesem Tag, von dem ich nicht weiss, ob er wiederkehrt? Priorisieren, ein oder zwei Dinge abarbeiten und erst dann die digitalen Kanäle öffnen. Alles andere führt mit 70 000 Umdrehungen ins Hamsterrad.

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