Nationalrätin fordert Ende der Synchronisation auf SRF: Nur der Untertitel soll deutsch bleiben

Sprachwissenschaftler reagieren positiv auf die Idee, englischsprachige Filme nur noch in der Originalsprache zu senden. Anders sieht dies Pro Senectute: Sie warnt davor, die Senioren abzuhängen.

Roger Braun
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Geht es nach Nationalrätin Andrea Gmür, so sollen Filme in ihren Originalsprachen und mit deutschen Untertiteln gesendet werden. (Bild: Boris Bürgisser)

Geht es nach Nationalrätin Andrea Gmür, so sollen Filme in ihren Originalsprachen und mit deutschen Untertiteln gesendet werden. (Bild: Boris Bürgisser)


Werden Filmklassiker wie «Titanic» oder die Ärzteserie «Grey’s Anatomy» bald nur noch auf Englisch ausgestrahlt? Geht es nach CVP-Politikerin Andrea Gmür, ist das die neue Realität des Schweizer Fernsehens.

Die Luzerner Nationalrätin hat einen Vorstoss eingereicht, der einschneidende Änderungen für das Fernsehpublikum bringen würde. Englischsprachige Filme sollen im Schweizer Fernsehen künftig nur noch im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen sein. Auch bei Eigenproduktionen von SRF soll auf die Synchronisation verzichtet werden. Äussert sich Bundespräsident Alain Berset beispielsweise in einem Beitrag der Tagesschau auf Französisch, soll dies in der Originalsprache – mit deutschen Unter­titeln – gesendet werden. Der Vorstoss ist breit abgestützt; Vertreter sämtlicher Parteien haben die Motion unterschrieben.

Das Ziel: So gut Englisch sprechen wie die Schweden

Gmür hat sich von den skandi­navischen Ländern sowie den Niederlanden inspirieren lassen. Dort laufen englischsprachige Filme sowohl im Kino als auch im Fernsehen in der Originalsprache. Gleichzeitig sprechen die Bewohner dieser Länder so gut Englisch wie niemand aus serhalb der anglofonen Welt. Für die gelernte Gymnasiallehrerin ist das kein Zufall. Sie sagt: «Auch die Schweiz sollte Fernsehsendungen nutzen, um die Fremdsprachenkenntnisse im Land zu verbessern.» Gerade für die Schweiz als viersprachiges Land sei es eine verpasste Chance, wenn Äusserungen in anderer Sprache ausradiert und synchronisiert würden.

Unterstützung erhält Gmür vom Institut für Mehrsprachigkeit der Universität von Freiburg. «Studien legen nahe, dass untertitelte Fernsehsendungen gut geeignet sind, um die Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern», sagt der Sprachwissenschafter Raphael Berthele. «Man lernt, wie die Sprache von Muttersprachlern gesprochen wird, und erhält wichtige Impulse für die Aussprache und den Rhythmus einer Fremdsprache.» Gleichzeitig warnt Berthele vor übertriebenen Erwartungen. Die skandinavischen Länder profitierten auch davon, dass ihre Sprachen näher beim Englischen lägen als etwa die deutsche, sagt er. Hinzu komme die kulturelle Verbundenheit mit Grossbritannien. In Griechenland zum Beispiel laufen die Filme ebenfalls in Originalsprache, und doch rangiert das Land in den einschlägigen Ranglisten hinter der Schweiz. «Wer glaubt, dass wir hierzulande alleine mit dem Verzicht auf die Synchronisation zu sprachlichen Schweden werden, täuscht sich», sagt Berthele.

SRF: Meisten Filme bereits im Originalton verfügbar

Pro Senectute äussert derweil vorsichtige Skepsis. Kommunikationschef Peter Burri weist darauf hin, dass der durchschnittliche Fernsehzuschauer über 60 Jahre alt ist. «Bei aller Wichtigkeit der Fremdsprachen müssen wir aufpassen, dass wir einen Teil des Publikums nicht ausschliessen», sagt er. Ältere Personen hätten häufig Mühe mit der Sicht, Untertitel seien deshalb nicht ideal. Dazu komme die Umgewöhnung durch die geänderte Sprache. Wenig Begeisterung versprüht auch die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG über den Vorschlag. «Die meisten englischsprachigen Filme und Serien sind bereits heute in der Originalsprache mit Untertiteln zu sehen», sagt SRG-Sprecher Edi Estermann. Dank des Zweikanaltons und der Untertitel, die über Teletext gesteuert werden können, habe der Fernsehzuschauer bereits heute die Wahl.

Gmür ist sich bewusst, dass ein Teil der älteren Zuschauer wenig begeistert sein wird über ihren Vorschlag. Sie setzt auf den Gewöhnungseffekt. «Langfristig wird es ganz normal sein, fremdsprachige Filme in der Originalsprache zu sehen», sagt sie. Die Zweikanalton-Lösung der SRG genügt Gmür nicht. «Manchmal muss man die Leute auch zum Glück zwingen», sagt sie. Komme hinzu, dass man bei SRG-Eigenproduktionen wie der Tagesschau keine Möglichkeit habe, die originale Sprache zu hören.

Auch Cineasten streiten sich über Synchronisierung

Ob Filme synchronisiert gehören oder die Originale mit Untertiteln zu bevorzugen sind, beschäftigt nicht nur Politik und Wissenschaft. Filmliebhaber debattieren ebenfalls leidenschaftlich über Sinn und Unsinn von Synchronisierungen. Klar, wer die Originalsprache des Films beherrscht, wird sich für die Originalfassung entscheiden. Doch wenn nicht? Für viele sind synchronisierte Film per se pfui, weil die Figuren an Profil verlieren, wenn die originale Sprache, Stimme und Ausdrucksweise der Schauspieler wegfallen. Doch auch an der Un­tertitelung gibt es Kritik. Der Zuschauer würde gezwungen, seine Aufmerksamkeit den Untertiteln zu widmen, anstatt sich auf die Bildsprache konzentrieren zu können, beanstanden Skeptiker. Da das Fernsehen ein visuelles Medium sei, soll es dem Zuschauer vergönnt sein, dem Dialog mühelos in seiner Muttersprache folgen zu können.

Schweizer Kinogänger entscheiden sich derweil meist für die synchronisierte Fassung. 57 Prozent der Kinoeintritte entfielen im vergangenen Jahr auf nachgesprochene Filme; 43 Prozent auf Filme in Originalsprache. Vor fünfzehn Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt.

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