Interview

«Not macht erfinderisch»: Experte vom IFJ Institut erklärt, warum während der Coronazeit so viele neue Firmen gegründet werden wie noch nie

In der Schweiz grassiert das Firmengründerfieber. Der St.Galler Simon May kennt die Mechanismen. Er sagt auch, warum diverse Coiffeure und Gastronominnen es gar schätzten, weniger Kunden und Gäste bedienen zu können. Und was Neugründungen zu tun haben mit Chefs, die ihren Angestellten auf die Nerven gehen.

Thomas Griesser Kym
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Nach einer coronabedingten Delle im Frühling 2020 zeigt die Zahl der Firmengründungen wieder steil nach oben.

Nach einer coronabedingten Delle im Frühling 2020 zeigt die Zahl der Firmengründungen wieder steil nach oben.

Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Im Jahr 2020 sind die Neugründungen von Firmen wegen Corona auf Achterbahnfahrt, aber insgesamt auf Rekordkurs. Simon May vom IFJ Institut für Jungunternehmen in St.Gallen erklärt die Hintergründe.

Die Zahl der Firmengründungen ist in den ersten neun Monaten 2020 auf den Rekord von 33'617 gestiegen. Wie erklären Sie das?

Simon May: Not macht erfinderisch. Es gibt auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gute Gründe, neue Firmen zu gründen: Menschen und Organisationen werden noch einfallsreicher, Leute nehmen sich Zeit, um über ihre private und berufliche Zukunft nachzudenken, neue Bedürfnisse werden mit neuen Angeboten befriedigt, Bereinigungen in Branchen schaffen Platz für neue Anbieter, der Schub an Digitalisierung birgt neue Möglichkeiten und so weiter.

In der Ostschweiz sind überdurchschnittlich viele Firmen neu gegründet worden. Ihr Urteil?

Das sind für den Ostschweizer Wirtschaftsstandort positive und starke Signale, dass engagierte Menschen an sich, ihre Ideen und auch den Standort glauben.

In den Monaten März bis Mai sind die Firmengründungen eingebrochen. Alles eine Folge des Lockdowns?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In den Monaten März, April und Mai nahmen die Gründungen kumuliert um 15 Prozent ab. In dieser Zeit waren unter anderem Amtsschalter geschlossen, Notare und Juristen nicht persönlich anwesend, in Firmen Mitarbeitende nicht in den Büros.

«Das hat zahlreiche Firmengründungen verunmöglicht.»

Genau in dieser Zeit stieg aber die Nachfrage an der online möglichen Abwicklung an Firmengründungen beim IFJ Institut für Jungunternehmen um über die Hälfte zum Vorjahr an.

Simon May, Geschäftsführer IFJ Institut für Jungunternehmen.

Simon May, Geschäftsführer IFJ Institut für Jungunternehmen.

Bild: PD

Seit Juni nehmen die Firmengründungen steil zu. Spiegelt das den Stau der Vormonate sowie Zuversicht für die Zukunft?

Ganz sicher beides. Zudem haben neue Firmen, welche neben einer bestehenden Arbeitsstelle gegründet werden, signifikant zugenommen. Wir erwarten einen fortlaufenden Anstieg der Gründungen bis Ende Jahr.

«Wir sind in Kontakt mit so vielen Gründern wie noch nie.»

Unsere kostenlosen Services verzeichnen rekordhohe Teilnehmerzahlen, und unsere digitalen Werkzeuge, etwa für den Businessplan, sind frequentiert wie noch nie. Wenn wir Corona global betrachten, können wir für die Schweiz derzeit festhalten: Die Bewegungsfreiheit von Menschen und Gütern ist so gut wie wahrscheinlich in keinem anderen Land der Welt. Auch das schafft Zuversicht.

Am meisten Neugründungen gibt es im Handwerk. Das kontrastiert damit, dass viele Handwerksbetriebe Nachwuchsmangel beklagen.

Dem Nachwuchsmangel gegenüber stehen Gründer, die bisher als Angestellte in den Handwerksbetrieben gearbeitet haben und jetzt die Zeit sehen, ihr eigener Chef oder ihre eigene Chefin zu sein.

Können sie das noch etwas mehr einordnen?

Was wir schon 2019 beobachtet haben, sich nun aber akzentuiert, sind signifikant mehr Leute, die gute Jobs haben, jetzt aber den Moment gekommen sehen, sich selbstständig zu machen.

«Zum Beispiel mit Arbeitskollegen, weil ihnen der Chef auf den Wecker geht.»

Oder mit Gleichgesinnten, die sie in einer Weiterbildung kennen gelernt haben. Wir sehen aber auch Leute, die aus wirtschaftlichen Gründen parallel zu ihrem Job ein Unternehmen gründen und dies nebenher betreiben.

«Als Folge der verbreiteten Kurzarbeit haben auch viele Leute mehr Zeit.»

Wer jetzt seine Arbeit aufgibt, um sich selbstständig zu machen, geht wegen der eingetrübten Lage auf dem Arbeitsmarkt mehr Risiken ein als vor Corona, richtig?

Die Planungssicherheit ist gesunken, die Ungewissheit gestiegen. Aber man muss auch sehen: Der durchschnittliche Firmengründer ist fast 40 Jahre alt.

«Gründer sind also in der Regel nicht Uniabsolventen, sondern gestandene Berufsleute mit Erfahrung.»

Und mit Branchenkenntnis und einem Netzwerk, und sie haben auch mal Fehler gemacht und aus diesen gelernt. Optimal ist es, wenn sie auch gewisse finanzielle Reserven haben.

Wie schaut es aus mit Firmengründern, die in der Coronazeit ihre Stelle verloren haben?

Dass Leute, die arbeitslos geworden sind, eine Firma gründen, hat es schon immer gegeben. Wir beim IFJ begleiten im Auftrag von RAV-Ämtern Personen, die sich selbstständig machen wollen. Wir prüfen ihre Geschäftsideen und coachen sie während rund vier Monaten. Hier sehen wir noch kaum Leute, die wegen Corona ihren Job verloren haben. Dieser Effekt wird aber noch kommen, im vierten Quartal oder erst 2021.

Das grösste Plus an Neugründungen sehen wir bei Coiffeuren, es werden aber auch viele Gastrobetriebe gegründet. Ein besonderes Risiko während Corona?

Die Coiffeur- wie die Gastronomiebetriebe haben einerseits gelernt, mit den Schutzkonzepten umzugehen und ihre Kunden gesundheitlich optiert zu bedienen.

«Andererseits schätzen diverse Betriebe sogar die verminderte Zahl der Kunden und Gäste, die sie betreuen können.»

Sie optimieren somit auch ihre eigene Aufwandbasis. Dies schafft natürlich Platz für zusätzliche Anbieter.

Was gilt es in diesen speziellen Zeiten besonders zu beachten bei Gründungen?

Weder in schwierigen noch in florierenden Wirtschaftsphasen war es einfach, die Zukunft verantwortungsvoll zu planen, was meist mit einem Businessplan gemacht wird. Speziell gilt für Gründer, die aktuellen und zu erwartenden Entwicklungen in ihren Branchen zu analysieren, das sich rasch verändernde Kundenverhalten in ihre Strategien einzuordnen und der finanziellen Planung noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Wie beurteilen Sie die Anstrengung in der Ostschweiz, die Informatik zu fördern?

Der neue Informatikstudiengang an der Universität St.Gallen, der Ausbau des Informatikangebots an der Ostschweizer Fachhochschule oder die Informatikmittelschule IMS – das sind alles Schritte in die richtige Richtung, ebenso wie der Medical Master an der Uni St.Gallen.

«Doch es dürfte noch mehr kommen. Es hat noch Reserven.»