Neues Führungsduo braucht ein offenes Ohr für die Regionen

Bei der Raiffeisen in St.Gallen herrschte grossspuriges Paradeplatz-Ambiente, in den Regionalgenossenschaften dagegen protestantische Selbstbescheidenheit. Die wichtigste Aufgabe für das neue Führungsduo besteht darin, ebendiesen Graben zwischen Land und Zentrale aufzuschütten.

Beat Schmid
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Der Raiffeisen-Hauptsitz in St.Gallen. (Bild: Thomas Hary)

Der Raiffeisen-Hauptsitz in St.Gallen. (Bild: Thomas Hary)

Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz hatte eine spezielle Angewohnheit: Wenn er eine regionale Raiffeisen-Genossenschaft besuchen sollte, liess er sich von seinem Chauffeur bis auf ein paar hundert Meter vor die Bankfiliale fahren und legte die letzte Strecke zu Fuss zurück. Niemand sollte sehen, dass er sich den Luxus eines persönlichen Chauffeurs und einer extralangen A8-Audi-Limousine gönnte.

Die Anekdote zeigt, wie gross die Kluft zwischen Zentralgenossenschaft in St.Gallen und den 255 unabhängigen Regionalgenossenschaften in den letzten Jahren geworden ist. In St.Gallen herrschte grossspuriges Paradeplatz-Ambiente, in den Regionalgenossenschaften dagegen protestantische Selbstbescheidenheit.

Regionen wollen mehr Selbstständigkeit

Die wichtigste Aufgabe für das neue Führungsduo besteht darin, ebendiesen Graben zwischen Land und Zentrale aufzuschütten. Ob Verwaltungsratspräsident Guy Lachappelle und sein CEO Heinz Huber hier ein glaubwürdiges Zeichen setzen können oder ob sie früher oder später auf alten Pfaden weitermarschieren werden, wird unter kritischer Beobachtung der Regionen stehen.

Zur Kernaufgabe von Lachappelle und Huber wird zudem gehören, das Aufgabenspektrum und die Machtfülle der Zentrale zu verkleinern. Unter der Ägide von Vincenz wurde die Zentrale immer grösser und mächtiger. Dieses Wachstum wurde auf dem Buckel der Regionalgenossenschaften vorangetrieben. Die Landbanken mussten immer mehr Autonomie und einen immer grösseren Anteil ihrer Erträge nach St.Gallen abtreten.

Die Regionen wollen wieder mehr Mitsprache und Selbstständigkeit. Insbesondere wollen sie weniger Geld für den Bezug von teuren Dienstleistungen nach St. Gallen überweisen. Sie verlangen, dass die Kosten in der Zentrale in den kommenden Jahren deutlich sinken. Schon bald wird man sehen, ob Lachappelle und Huber ein offenes Ohr für die Anliegen der Regionen haben werden und tatsächlich bereit sind, Macht abzugeben – indem sie beispielsweise von der Zentrale gesteuerte Raiffeisenbanken in urbanen Zentren in unabhängige Genossenschaften umwandeln werden.

Das tägliche Geschäft rückt in den Fokus

Neben einer neuen Kultur und einer neuen Struktur für die Raiffeisen-Gruppe wird aber auch das tägliche Geschäft die neuen Chefs fordern. Im Vergleich zu Basler und Thurgauer Kantonalbank, wo Lachappelle und Huber herkommen, ist Raiffeisen eine Grossbank. Sie ist systemrelevant und deshalb sogenannt «Too big to fail» (TBTF), also zu gross, um im Krisenfall fallengelassen zu werden. Die regulatorischen Messlatten an TBTF-Institute sind wesentlich höher gelegt, als sie dies bei den Kantonalbanken sind, denen Huber und Lachappelle bisher vorstanden.

Zehnmal grösser als Kantonalbanken

Aus regulatorischer Sicht übernehmen nun also zwei Novizen das Kommando bei Raiffeisen. Die Thurgauer und die Basler Kantonalbank haben eine Bilanzsumme von 22 Milliarden und 23 Milliarden Franken. Bei Raiffeisen sind es stolze 223 Milliarden Franken, also zehnmal mehr. Alle Raiffeisen-Banken zusammen haben in den vergangenen Jahren ein Hypothekarvolumen von 170 Milliarden Franken akkumuliert – ein gewaltiger Brocken, der bei einer scharfen Zinsänderung verheerende Schäden anrichten kann.

Raiffeisen ist nicht nur zehnmal grösser als die Kantonalbanken, sondern mit seiner genossenschaftlichen Struktur mit den 255 unabhängigen Regionalbanken, die alle über eine eigene Bilanz verfügen, zudem wesentlich komplexer zu steuern als eine gewöhnliche Bank, die nur über eine Bilanz verfügt. Nicht zu unterschätzen ist auch: Lachappelle und Huber müssen zehnmal mehr Angestellte führen, sind mit ihren Produkten nun in allen Landesteilen vertreten und müssen eine gesamtschweizerische Optik einnehmen.

Die Regionalchefs als Risikofaktor

Insgesamt also ziemlich viele Aufgaben. Ein Risiko besteht freilich auch darin, dass der eine oder andere Regionalbankenchef durch das unerfahrene Führungsduo in St. Gallen motiviert werden könnte, riskante Geschäfte einzugehen. Oder wie sich ein Raiffeisen-Insider ausdrückt: «Die Regionalchefs werden den beiden auf der Nase herumtanzen.»