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Interview

Neuer Ethos-Präsident: «Wer die Umweltfrage ignoriert, zahlt später einen hohen Preis»

Rudolf Rechsteiner, neuer Präsident der Anlagestiftung Ethos, spricht über verantwortungsscheue Banker und CO2 als Risikoindikator.
Niklaus Vontobel und Andreas Möckli
Ethos-Präsident Rudolf Rechsteiner. (Severin Bigler, Bern, 15. April 2019)

Ethos-Präsident Rudolf Rechsteiner. (Severin Bigler, Bern, 15. April 2019)

Von der Politik zur Ethos-Stiftung. Wie kam es zum Rollenwechsel?

Rudolf Rechsteiner: Als sich der Rücktritt von Dominique Biedermann abzeichnete, wurde ich von einer Headhunting-Firma angefragt. Das kam völlig überraschend. Ethos war für mich weit weg. Ich merkte aber rasch, dass ich gut zum erfahrenen Ethos-Team passe.

Inwiefern?

Der Klimawandel wird für viele Unternehmen zu einem zentralen Thema. Zudem kenne ich das Pensionskassengeschäft. Die erste Revision der beruflichen Vorsorge habe ich im Parlament mitgestaltet. 1983 habe ich ein Buch geschrieben, in dem ich genau das Geschäfts­modell von Ethos anregte: Pensionskassen tun sich zusammen, um gemeinsam mehr Gewicht zu haben.

Zur Person

Rudolf Rechsteiner (60) wurde 1988 SP-Vertreter im Grossen Rat von Basel-Stadt, 1995 dann Nationalrat. Später wechselte er zurück in den Grossen Rat. 2018 wurde er zum Präsidenten von Ethos gewählt. Die Anlagestiftung berät Pensionskassen bei Abstimmungen an Generalversammlungen börsenkotierter Firmen.

Heute führen Sie Gespräche auf den Teppichetagen grosser Konzerne. Wie bringen Sie einem Urs Rohner bei, dass Ethos bei der Credit Suisse die Anträge zur Vergütung ablehnt?

So wie ich es jedem erkläre. Die variablen Vergütungen sind zu hoch gemessen am fixen Lohn. Der Aktienkurs ist rückläufig, die Geschäftstätigkeit mässig erfolgreich. Die Kapitalgeber haben Geld verloren. Dennoch soll die Geschäftsleitung total gegen 100 Millionen Franken erhalten, für ein einziges Jahr! Da scheinen sich die Banken an Höhen gewöhnt zu haben, die weit entfernt von üblichen Entschädigungen sind. Das sind amerikanische Verhältnisse, von denen behauptet wird, sie hätten auch in der Schweiz zu gelten.

Die Credit Suisse sagt, man habe die Ziele erreicht – und schreibe erstmals seit langem Gewinn.

Diese Ziele hat sich das Unternehmen gegeben, nicht wir.

Gibt es immer irgendein Kriterium, um hohe Löhne zu rechtfertigen?

Ja, leider. Manche Firmen ziehen «bereinigte Gewinne» heran. Milliardenbussen werden herausgerechnet, als hätten sie mit dem Geschäftsgang und der Verantwortung der Führungsgremien nichts zu tun. «Bereinigte Gewinne» werden von keinem Revisor angeschaut, das prüft niemand. Es werden alternative Fakten geschaffen.

«Ich möchte neue Akzente setzen in Bezug auf den Klimawandel, denn dieser gefährdet die Werthaltigkeit der Anlagen aller Investoren und wird zur Existenzfrage, gerade auch für die Pensionskassen.»

Der mächtige US-Stimmrechtsberater ISS wird für die Anträge des CS-Verwaltungsrates stimmen. Ethos kämpft auf verlorenem Posten.

Das mag dieses Mal stimmen. Dennoch sind unsere Bemühungen nicht umsonst. So wurden die Löhne der Credit Suisse und jene im Finanzsektor allgemein im Jahr 2016 scharf kritisiert, was 2017 zu einer gewissen Mässigung führte. Nun beobachten wir für 2018 wieder einen Aufwärtstrend. Generell treffen wir heute seltener exzessive Vergütungen an wie früher jene von Daniel Vasella oder Ex-CS-Chef Brady Dougan. In manchen Unternehmen sind die Entschädigungen sogar spürbar gesunken. Aber das ist kein genereller Trend.

Müssen die Gesetze verschärft werden?

Wünschbar wäre dies bei den Abstimmungen über prospektive variable Vergütungen, also künftige Boni. Da gibt es eine Lücke in der Verordnung, die letztlich nicht dem Sinn und Geist der Minder-Initiative entspricht. Aktionäre sollten nicht über Vergütungsmodelle mit Hebelwirkung abstimmen, bevor sie die Leistung des Managements kennen.

In der Schweiz wollte die «1 zu 12»-Initiative eine Lohnobergrenze festlegen. In Grossbritannien liebäugeln Parlamentarier mit 1 zu 20.

Massnahmen gegen Lohnungleichheit wirken dann am besten, wenn sie in vielen Industriestaaten gemeinsam durchgesetzt werden. Eine Selbstregulierung wäre etwa über die Länderorganisation OECD denkbar. Ungleichheiten bekommt die Politik auch in den Griff, wenn sehr hohe Löhne und Kapitalgewinne wieder wie früher stärker besteuert werden.

Die Minder-Initiative reicht nicht?

Thomas Minder wollte eine Mässigung hinbekommen, indem er die Aktionärsdemokratie stärkte. Aber das ist keine Volksdemokratie. Letztlich befiehlt, wer das meiste Geld hat. Und es gibt im ­Finanzsektor Entscheidungsträger, die sich bei Abstimmungen über Boni gegenseitig schützen. Dazu kommt der internationale Wettbewerb. Wenn ein einzelnes Land etwas unternimmt, hat dies eine begrenzte Reichweite.

Bei der UBS lehnen Sie die Vergütungen ebenfalls ab. Warum? Immerhin hat die Grossbank über Jahre konstant Gewinne erwirtschaftet.

Die UBS ist zu einer Busse von 4,5 Milliarden Euro verurteilt worden und hat dafür nur 500 Millionen zurückgestellt. Das Urteil ist zwar noch nicht definitiv, aber das Risiko ist da.

Und die vorgeschlagene Vergütung spiegelt dieses Risiko nicht wider?

Es will keiner Verantwortung übernehmen. Der Bank droht eine erhebliche Belastung, aber in der Führung sagt man dann gerne: «Das war ja vor dem letzten Geschäftsjahr, nicht in meiner Amtszeit.» Generell ist zu fragen, ob die UBS wirklich einen Strich gezogen hat unter das Kapitel «Beihilfe zur Steuerhinterziehung». Kommt dazu, dass die variablen Vergütungen unsere Richt­linien überschreiten.

Hatten Sie schon Gespräche mit den Verwaltungsratspräsidenten von Credit Suisse und UBS?

Mit Urs Rohner sprach ich letzten Herbst, nicht zur aktuellen Lohnrunde.

Was bringen solche Gespräche? Wäre es nicht konsequenter, nicht mehr zu investieren?

Studien zeigen, dass der Dialog mit grossen Firmen mehr bewirkt als der Verkauf der Aktien. Wir wollen den Blick der obersten Chefs für kommende Risiken schärfen. Im Bereich der Corporate Governance hat der Einfluss von Dominique Biedermann die gröbsten Auswüchse beseitigt. Heute hat kaum ein Unternehmen mehr Doppelmandate: dass eine Person zugleich Konzernchef und Verwaltungsratspräsident ist. Die Entschädigung wird leider immer ein Thema bleiben. Ich möchte neue Akzente setzen in Bezug auf den Klimawandel, denn dieser gefährdet die Werthaltigkeit der Anlagen aller Investoren und wird zur Existenzfrage, gerade auch für die Pensionskassen.

Wie das?

Pensionskassen müssen ihre Vermögen für Jahrzehnte anlegen, und ihre Investments sind direkt gefährdet. Nehmen Sie die Prognose, wonach der Meeresspiegel bald um jährlich drei Zentimeter steigen wird, um das Jahrhundertende herum um sechs Zentimeter. Liegenschaften in Hamburg, London oder in den Niederlanden sind betroffen.

Was heisst das für die Wirtschaft?

Auf die Unternehmen kommt eine Reihe von Klimakosten zu. Höhere Versicherungsprämien, Verluste im Transport, Verluste von Ernten. Die Unternehmen ignorieren dieses Thema schon heute nicht.

Welchen Einfluss haben die erneuerbaren Energien?

Seit zwei oder drei Jahren ist Strom aus Wind oder Solar weltweit billiger als Gas- oder Kohlestrom. Das hätten viele vor kurzem nicht für möglich gehalten. Grosse Unternehmen können einen Beitrag leisten und ihre Energiekosten senken, indem sie direkt Bezugsverträge mit Wind- und Solarfarmen abschliessen. Nehmen Sie das Beispiel Daimler Benz. Die haben kürzlich in Polen eine Autofabrik erstellt und dazu eine Windfarm. Daimler zahlt weniger für diesen Strom als für Bezüge aus polnischen Kohlekraftwerken.

Die Flugbranche hat es schwieriger.

Sie versteckt sich vor der Umweltfrage. Dabei könnte Kerosin auf Grundlage von erneuerbaren Energien synthetisch hergestellt werden.

Das käme jedoch teurer.

Aktuell schon. Aber gäbe es eine Beimischungsquote für alle Fluggesellschaften, würden die Preise rasch sinken. Das ist die Lehre aus der Solar- und Windenergie: Sobald genügend grosse Nachfrage da ist, sinken die Kosten sehr schnell. Die Flugbranche muss Lösungen entwickeln, sonst werden sie ihr aufgezwungen.

Beim Klima haben Sie jedoch keinen Einfluss an Generalversammlungen.

Da haben Sie recht. Anders als beim Thema Löhne kann man beim Klima ein Unternehmen nicht mit speziellen Anträgen an einer GV konfrontieren. Wenn sich energieintensive Unternehmen dem CO2-Thema nicht stellen, kann Ethos aber empfehlen, die Decharge zu verweigern. Wir setzen vorerst auf Dialog, und dies nicht ohne Wirkung. Die Alternative wäre der Verkauf der Aktie. Der bringt bei solchen Firmen aber eher wenig, sie können sich leicht neues Kapital beschaffen. Den Verkauf sehe ich eher als Vorsichtsmassnahme.

Wie meinen Sie das?

Der Verlust des Börsenwertes der Unternehmen, die stark von fossiler Energie abhängen, können für Investoren zur Belastung werden. Daher untersuchen wir die CO2-Intensität der Unternehmen. Die deutschen Automobilhersteller verklärten Dieselmotoren zur unersetzlichen und sauberen Technologie. Sie müssen nun versäumte Jahrzehnte in der Entwicklung neuer Technologien in kürzester Zeit aufholen. Ob es gelingt, die Chinesen einzuholen, wird man sehen. Wer die Umweltfrage ignoriert, zahlt später einen hohen Preis.

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