Neue Daten zeigen: Schweizer meiden den ÖV, strömten aber lange weiter in die Pärke

Das Corona-Virus verbreitet sich in der Schweiz schnell. Eine Daten-Auswertung zeigt: Im ÖV und auf der Strasse sind viel weniger Leute unterwegs. Vom Flanieren liessen sich aber viele lange nicht abhalten.

Stefan Ehrbar
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Eine Daten-Analyse zeigt. Viele arbeiten von zuhause aus und meiden den ÖV. Draussen sind die Menschen aber trotzdem noch unterwegs.

Eine Daten-Analyse zeigt. Viele arbeiten von zuhause aus und meiden den ÖV. Draussen sind die Menschen aber trotzdem noch unterwegs.

Keystone

«Bleiben Sie zuhause!»: Keine Botschaft hat der Bund in den letzten Jahren so eindringlich an die Bevölkerung gerichtet wie diese. Nur wenn der physische Kontakt zwischen Menschen so gut wie möglich unterbunden wird, lässt sich die Ausbreitung des Corona-Virus verlangsamen und eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern. Zuletzt waren in der Schweiz über 6'000 Personen positiv auf das Corona-Virus getestet.

Nun werden die Rufe nach einer strengen Ausgangssperre laut. Bilder von Menschen, die an Seeufern flanieren oder eng gedrängt auf Parkbänken sitzen, tun ihr Übriges. Nur: Wie gut werden die Empfehlungen des Bundes – dazu gehören etwa auch das Meiden des öffentlichen Verkehrs oder die Arbeit aus dem Home Office – tatsächlich umgesetzt? Eine Analyse, die sich auf frei verfügbare Daten stützt, zeichnet kein eindeutiges Bild.

Verkehr: Weniger Autos, kaum mehr ÖV-Pendler

Beim Verkehr sind die Einflüsse des Corona-Virus offensichtlich. So zeigt eine Analyse der Personenzahlen, die sich in grossen Bahnhöfen aufhalten, Rückgänge von 20 bis über 70 Prozent. Verglichen wurde die Anzahl der Personen, die sich am Donnerstag zwischen 13 und 14 Uhr, am Freitag zwischen 8 und 9 Uhr und am Sonntag zwischen 10 und 11 Uhr in ausgewählten Bahnhöfen aufhielten. Dabei handelt es sich nicht um exakte Daten: Google misst anhand von Handy-Daten, wie gut besucht ein Ort im Vergleich zu durchschnittlichen Tagen ist. Es handelt sich also nicht um eine Zählung, die alle Pendler einschliesst, sondern um eine Art Hochrechnung.

Auffällig ist: Der Rückgang ist insbesondere in Luzern dramatisch. Hier dürften auch die ausbleibenden Touristen ins Gewicht fallen. Weniger gross sind hingegen die Rückgänge an typischen «Pendler-Bahnhöfen» wie Zürich-Stadelhofen oder Baden. Auch hier ist die Nachfrage aber um etwa die Hälfte eingebrochen. Offizielle Zahlen gibt es nicht: Die SBB haben die manuelle Frequenzerhebung zurzeit eingestellt.

ÖV: Viel weniger Leute in den Bahnhöfen

Personen an Bahnhöfen, in Prozent des Durchschnitts vor Corona
Vor Krise
Donnerstag, 13-14 Uhr
Freitag, 8-9 Uhr
Sonntag, 10-11 Uhr
Zürich HBBaselStadelhofenLuzernBaden020406080100

Während die Menschen also den öffentlichen Verkehr meiden, scheinen sie sich auch die Aufforderung zu Herzen genommen zu haben, von zuhause aus zu arbeiten. Denn die fehlenden ÖV-Pendler schwenken nicht einfach aufs Auto um – im Gegenteil. Wird die Anzahl der Fahrzeuge, die täglich in der Stadt Zürich an bestimmten Strassenabschnitten gemessen wird, analysiert, zeigt sich ein deutlicher Rückgang des Autoverkehrs in den letzten Tagen. Wie üblich zeigt sich auch in dieser Woche am Freitag ein leichter Anstieg. In dieser Grafik sind nur Werktage aufgeführt. 

Autos: Der Verkehr sinkt deutlich

Anzahl der fahrenden Autos in der Stadt Zürich pro Tag (in Millionen)
25.02.202026.02.202027.02.202028.02.202002.03.202003.03.202004.03.202005.03.202006.03.202009.03.202010.03.202011.03.202012.03.202013.03.202016.03.202017.03.202018.03.202019.03.202020.03.2020Tag0,00,51,01,5

Diese Daten sind nicht korrigiert. Zählstellen, die einen technischen Defekt hatten, sind nicht herausgerechnet – genau so wenig wie der Effekt, den das Wetter auf den Verkehr hat. Sie erlauben aber eine Einschätzung: Die Verhaltensempfehlungen in Bezug auf das Home Office wirken.

Ein Effekt des Corona-Virus ist auch, dass viel weniger geflogen wird. Viele Airlines mussten ihren Betrieb einstellen oder stark reduzieren. Die Swiss fliegt etwa nur noch mit sechs Flugzeugen. Die Aus- und Einreise in viele Länder ist stark beschränkt, der touristische Verkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen. Das zeigt sich auch in den Starts und Landungen, die am grössten Schweizer Flughafen in Zürich registriert werden. Sie sind auf einem Tiefststand. Das zeigt die offizielle Bewegungsstatistik des Flughafen.

Flugverkehr: So wenig wie nie

Starts und Landungen am Flughafen Zürich
6.3.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.20.21.3.Tag0200400600

Die Rückgänge im ÖV, auf der Strasse und am Himmel zeigen aber alleine noch nicht, wie gut die Massnahmen des Bundes umgesetzt werden. Die Weisung, wenn möglich zuhause zu bleiben und nicht an belebten Orten zu spazieren, schlug erst mit einigen Tagen Verzögerung ein.

Freizeit: Noch immer sind viele am See oder im Ausgang

Das zeigen Daten von Anlagen, welche die Zahl der Fussgänger messen. Die Stadt Zürich hat etwa beim Arboretum, einem Park am Zürichsee, eine solche Zählstelle eingerichtet. Deren Daten zeigen: Lange flanierten viele Leute unbeeindruckt am Seeufer. Erst am Freitag gingen die Zahlen stark zurück. Das hat aber nicht nur mit Einsicht zu tun: Am Freitagabend sperrte die Stadt Zürich Parks und Plätze, um die Massnahmen durchzusetzen. Zu ihnen gehört auch das Arboretum.  

Zuvor hatten die Empfehlungen des Bundes kaum einen Einfluss gehabt. Am vergangenen Sonntag, 15. März, wurden etwa fast 6'000 Fussgänger gezählt und damit sogar noch einmal mehr als am Wochenende zuvor. Bei diesen Daten handelt es sich um Rohdaten, die etwaige Messfehler nicht berücksichtigen. 

Freizeit: Fussgänger am Zürichsee

Standort Arboretum
1.3.2.3.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.20.Tag0200040006000

Auch an der Langstrasse, der eigentlichen Zürcher Ausgeh-Meile, waren noch lange viele Leute unterwegs. Zwar zeigt sich ein starker Rückgang, seit der Bund die Öffnung von Bars, Läden und Clubs untersagt hat. Am vergangenen Wochenende sank die Zahl der Fussgänger, die bei der Unterführung des Gleisfelds gemessen wurde, im Vergleich zum Wochenende zuvor um etwa die Hälfte. Damals waren Bars und Clubs zumindest teilweise noch geöffnet.

Einbezogen in diese Daten sind auch Menschen, die im Quartier wohnen, arbeiten oder Besorgungen machen und an der Zählstelle vorbeilaufen. Dass die Frequenzen auch am vergangenen Wochenende zunahmen, dürfte aber eher auf Ausgehwillige zurückzuführen sein. Immerhin: Gegen Ende der Woche flachten die Zahlen deutlich ab. Am Freitag waren so wenige Leute an der Langstrasse unterwegs wie wohl seit Jahren nicht mehr. 

Ausgang: Fussgänger an der Langstrasse

jeweils 19 Uhr bis 4 Uhr, Standort Unterführung (beide Richtungen)
1.3.2.3.3.3.4.3.5.3.6.3.7.3.8.3.9.3.10.3.11.3.12.3.13.3.14.3.15.3.16.3.17.3.18.3.19.3.20.3.Tag0200040006000
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