Nestlé verbrennt Nudeln

Es ist der grösste Rückruf in Nestlés Geschichte: Auf Anordnung der indischen Behörden werden 400 Millionen Nudelpackungen in Zementfabriken verbrannt.

Frederic Spohr
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NEU DELHI. Es gibt viele Zahlen, die das gigantische Ausmass der Rückrufaktion Nestlés beschreiben: 400 Millionen Nudelpackungen muss der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern in Indien aus den Regalen räumen. Man könnte auch sagen: 27 000 Tonnen oder 2500 Lastwagenladungen. Oder ausgefallener: Gekocht und aneinandergereiht könnte man die Nudeln rund 200mal um den Äquator wickeln.

Die Nudeln sind einfach überall

Diese Menge Nudeln muss die Nestlé-Gesellschaft Maggi auf dem gesamten Subkontinent aus dem Verkehr ziehen. Von den abgelegenen Kiosken in den Höhen des Himalajas bis in die Läden kleiner Dörfer im Wüstenstaat Rajasthan. Wenn es irgendwo Nudeln gab, dann waren sie von Maggi. Mit 80% Marktanteil ist der Maggi-Snack in Indien zum Synonym für Instant-Nudeln geworden.

Nestlé spricht von der grössten Rückrufaktion, die das Unternehmen je meistern musste. Möglicherweise sei es sogar die grösste derartige Operation in der Geschichte der Lebensmittelindustrie überhaupt. Als einen «äusserst komplexen Prozess» und «eine Mammutaufgabe» bezeichnet Luca Fichera, Lieferkettenchef von Nestlé India, das Unterfangen. Theoretisch könnte sich in jedem der insgesamt rund 3,5 Millionen Läden in ganz Indien eine Packung Maggi-Nudeln verstecken.

«Gefährlich und unsicher»

Eingebrockt hat dem Unternehmen diese Herausforderung die indische Lebensmittelaufsichtsbehörde. Die Beamten haben die Maggi-Nudeln wegen zu hoher Bleiwerte als «gefährlich und unsicher» gebrandmarkt und Nestlé dazu verdonnert, die Snacks zurückzuholen.

Doch wohin mit den ganzen Nudeln? Als letztes Ziel der Snacks hat sich Nestlé fünf private Zementfabriken ausgesucht. Dort werden die Packungen im Wert von umgerechnet 46 Mio. Fr. schliesslich in Brennöfen verheizt. Maximal können dort täglich rund 700 Tonnen verbrannt werden, sofern ausreichend Teigwaren herangeschafft werden. 40 Tage soll es laut den Angaben dauern, bis auch die letzte Nudel im Industrieofen verbrannt ist.

Dass die Nudeln nun letztlich als Brennstoff verwendet werden, sei die umweltverträglichste Lösung, heisst es seitens des Unternehmens. Wie teuer der gesamte logistische Aufwand schliesslich werde, sei noch nicht abzusehen.

Der Fall kommt vor Gericht

Dabei ist längst noch nicht geklärt, ob die Nudeln wirklich zu viel Blei enthalten. Nestlé beharrt darauf, die Snacks seien unbedenklich, und geht vor Gericht gegen die Entscheidung vor. In zehn Tagen, am 30. Juni, muss die Lebensmittelbehörde nochmals Stellung zu den Einwänden Nestlés nehmen.

Nestlé vertritt die Auffassung, dass die Nudeln falsch getestet worden seien. Eigene Proben seien einwandfrei gewesen, heisst es. Mut machen dürfte dem Unternehmen, dass andere Aufsichtsbehörden die Nudeln für unbedenklich erklärt haben, beispielsweise jene Singapurs. Nestlé-Chef Paul Bulcke kündigte erst diese Woche wieder an, oberstes Ziel sei es, die Nudeln möglichst schnell wieder in die Regale zu bringen. Mit den Nudeln machte Nestlé 15% bis 20% des Umsatzes in Indien.