«Negativzinsen haben auch Kosten»

Mit ihrem Stillhalten halte sich die Schweizerische Nationalbank geldpolitische Optionen offen, sagt Maxime Botteron. Und der Ökonom der Credit Suisse analysiert die Terminologie der Notenbanker punkto Inflation und Negativzinsen.

Thomas Griesser Kym
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Maxime Botteron Senior Economist Swiss Macro Research, Credit Suisse (Bild: pd)

Maxime Botteron Senior Economist Swiss Macro Research, Credit Suisse (Bild: pd)

Herr Botteron, die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihre Geldpolitik unverändert gelassen. Ihr Urteil?

Maxime Botteron: Die geldpolitischen Optionen der SNB sind begrenzt: Die Zinsen sind schon negativ, und die SNB will ihre Bilanz nicht ausdehnen. Im Moment besteht auch kein Druck, die Geldpolitik weiter zu lockern, da sich der Wechselkurs des Frankens seit der Aufhebung des Mindestkurses wieder etwas abgeschwächt hat. Das bestätigt die Geldpolitik der SNB, und mit ihrem Stillhalten bewahrt sie sich einen Rest an Optionen für die Zukunft. Insofern war der SNB-Entscheid ein erwarteter, der im aktuellen Kontext Sinn macht.

Die SNB erwartet auf absehbare Zeit eine noch negativere Inflation als bisher. Dennoch spricht sie nicht mehr wie früher von Deflationsgefahren. Warum?

Botteron: Diese geänderte Terminologie ist Teil der Kommunikationsstrategie der SNB. Spräche sie von Deflationsgefahr, müsste sie etwas unternehmen und die Geldpolitik weiter lockern. Sonst hätte sie ein Problem mit ihrer Glaubwürdigkeit.

Inwieweit ist die negative Inflation gut oder schlecht für die Schweiz?

Botteron: Für die Konsumenten ist sie von Vorteil, da sie sich in den tieferen Ölpreisen und niedrigeren Preisen für Importgüter äussert. Dadurch steigt die Kaufkraft der Haushalte, wodurch der Privatkonsum dieses Jahr etwas stärker wachsen dürfte als zunächst prognostiziert. Kehrseite der Medaille aber ist, dass auch die Preise der Schweizer Exporte sinken dürften. Das ist problematisch für unsere Wirtschaft. Die Unternehmen müssen als Folge auch Kosten senken, was den Gewinn schmälern oder Arbeitsplätze kosten kann.

Im Vorfeld hatten einzelne Medien spekuliert, die SNB könnte den Negativzins auf 1,5 Prozent verdoppeln. Unter welchen Umständen wäre das denkbar?

Botteron: Die SNB wird den Negativzins nur weiter senken, falls der Franken sehr stark aufwertet. So dürfte die SNB kaum einen Wechselkurs unterhalb der Parität zum Euro tolerieren. Dann würde sie wohl auch wieder am Devisenmarkt intervenieren. Die SNB muss zudem berücksichtigen, dass Negativzinsen auch Kosten haben. Sie können zum Problem werden für Sparer und institutionelle Investoren. Und sie schmälern die Zinsmarge von Banken. Wir sehen daher bereits, dass die Zinsen langfristiger Hypotheken wieder steigen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass Banken auch beginnen könnten, Unternehmenskredite zu verteuern.

SNB-Präsident Thomas Jordan will die Zahl der Institutionen, welche die SNB von Negativzinsen verschont, reduzieren. Was halten Sie davon?

Botteron: Das läuft politischen Forderungen zuwider, auch Pensions- oder Krankenkassen von Negativzinsen zu befreien. Grundsätzlich aber gilt: Je mehr Ausnahmen die SNB zulässt, desto weniger wirken die Negativzinsen. Müssten bei der SNB die Kassen keinen Negativzins zahlen, würden sie Gelder dort parkieren und von den Geschäftsbanken abziehen. Dann würden diese selber ihre Guthaben bei der SNB reduzieren und möglicherweise keine Zinsen mehr zahlen. In einem solchen Szenario wird der Effekt der Negativzinsen verwässert. Falls Sparer en masse Gelder von den Banken abzögen, müsste für diese die SNB die Liquidität sicherstellen, sonst steigen die Zinsen.

Was erwarten Sie für den Wechselkurs?

Botteron: Vorerst eher stabil. Wir erwarten 1.05 Franken pro Euro in drei Monaten und 1.08 in zwölf Monaten.