«Natürlich ist man gwundrig»

Als oberster Chef zwei Monate weg vom Unternehmen – Pierin Vincenz hat als Raiffeisen-Chef eine solche Auszeit gewagt. Wie es ist, vorübergehend keinen Einblick ins tägliche Geschäft zu haben, und was es braucht, damit dies klappt.

Thorsten Fischer
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Raiffeisen ermuntert zu Sabbaticals. Auch Pierin Vincenz verabschiedete sich für zwei Monate aus dem Büro und bereiste andere Länder. (Bild: Ralph Ribi)

Raiffeisen ermuntert zu Sabbaticals. Auch Pierin Vincenz verabschiedete sich für zwei Monate aus dem Büro und bereiste andere Länder. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Die Präsentation der neusten Raiffeisen-Zahlen steht heute Freitag auf dem Programm. Vor rund drei Monaten hatte Pierin Vincenz, Chef von Raiffeisen Schweiz, allerdings noch ganz andere Dinge im Kopf – Tausende Kilometer entfernt vom Raiffeisen-Hauptsitz in St. Gallen. Und das alles ganz bewusst. Im Rahmen einer Auszeit, eines Sabbaticals, reiste er gemeinsam mit seiner Frau durch Südamerika, erkundete Länder wie Bolivien und Peru. «Diese Auszeit hat sich gelohnt», sagt Vincenz im Gespräch. Besonders spannend sei es gewesen, so lange an einem Stück zu reisen.

Raiffeisen gewährt Mitarbeitenden ab einer gewissen Führungsstufe nach 13 Jahren im Unternehmen erstmals ein Sabbatical. Nach weiteren zehn Jahren ein weiteres. Es gibt dabei keine Auflagen, was zu tun ist. Ob sich jemand schulisch weiterbildet, reist oder den eigenen Garten bearbeitet, alles ist möglich. «Wichtig ist, dass die Zeit ohne Unterbruch, an einem Stück genommen wird», betont Vincenz. Vorgesehen ist maximal eine Absenz von drei Monaten, Vincenz hatte sich für zwei Monate entschieden.

Im Ausland stärker verbreitet

Sabbaticals gibt es mittlerweile in einigen Schweizer Unternehmen. Dennoch kommt es hierzulande selten vor, dass der oberste Chef eines so grossen Unternehmens ganz offiziell eine Auszeit nimmt. In anderen Ländern, aber auch in Forschung und Wissenschaft, sei diese Möglichkeit viel stärker verbreitet, sagt Vincenz.

Er empfiehlt den Schritt allen Unternehmen ab einer gewissen Grösse. Die Grösse braucht es, um die längere Absenz organisieren zu können, um Stellvertretungen und Abläufe zu regeln. Müssen die ins Sabbatical entschwindenden Mitarbeiter kein schlechtes Gewissen gegenüber den anderen haben? Das sollten sie nicht, findet Vincenz, denn: «Es wird bei Raiffeisen sogar erwartet, dass man diese Auszeit nimmt.» Kommt ein Sabbatical zustande, sei dies «eine super Sache», sieht er sich durch die eigenen Erfahrungen bestätigt.

Grundsätzlich gebe es zum Sabbatical-Programm bei Raiffeisen viele positive Rückmeldungen. Für die Zurückbleibenden könne das Programm gleichsam einen Motivationsschub bedeuten. «Sie haben die Chance zu zeigen, dass sie eine Aufgabe ebenso gut meistern.»

Und die Person, die ins Sabbatical geht, muss sich mit der Erkenntnis anfreunden: Es läuft in der Arbeitswelt letztlich auch ohne sie weiter – entbehrlich ist man sogar als Chef.

Laut Vincenz ist der Schnitt jeweils radikal. Raiffeisen empfiehlt auch, die Datenfunktionen beim Handy auszuschalten oder das Geschäftshandy ganz abzuschalten. Es sollen auch keine telefonischen Kontakte bestehen. Das war auch bei Vincenz so. «Obwohl man natürlich gwundrig ist», räumt er ein. Zeitungen lese man derweil trotzdem und halte sich so allgemein auf dem Laufenden.

«Dossiers wirklich abgeben»

Entscheidend für den Erfolg sei das Vertrauen, ausserdem brauche es Disziplin und Respekt. «Man muss seine Dossiers wirklich abgeben und nicht insgeheim Pendenzen anhäufen.» Das bedeutet: Bei der Rückkehr gilt es, die in der Abwesenheit getroffenen Entscheide zu akzeptieren.

Was das eigene Sabbatical angeht, windet Vincenz seinem Stellvertreter und dem Leitungsteam ein Kränzchen. Sie hätten gute Arbeit geleistet. Beispielsweise fiel in die Zeit seiner Abwesenheit der Entscheid zum US-Steuerprogramm, bei dem sich Banken einer Kategorie zuordnen mussten.

Dennoch: Hatte sich Vincenz für ganz grosse Entscheidungen eine Hintertür offen gelassen – um dann trotz seiner Auszeit einzugreifen? So etwas sei nicht vorgesehen. Wenn aber wirklich tiefgreifende Ereignisse das Unternehmen erschüttert hätten, vergleichbar mit einem Drama im privaten Bereich, dann hätte er das Sabbatical abgebrochen, sagt Vincenz. «Aber das hofft man ja in der Regel nicht.»

Positives Umfeld schaffen

Raiffeisen sieht ihr Sabbatical-Angebot als eines der Mittel, um ein positives Arbeitsumfeld zu schaffen. Es gehöre zu anderen Instrumenten wie beispielsweise ein grosszügiger Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub. Aspekte, mit denen Raiffeisen nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt als interessanter Arbeitgeber punkten will.

So beflügelnd und individuell eine Auszeit ist, eines bleibt in allen Fällen gleich, wie Vincenz festgestellt hat. «Wenn man zurück kommt, hat einen der Alltag sofort wieder.»

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