Nationalbank zum Abwarten gezwungen

Weil die Europäische Zentralbank ihr ultralockeres Regime weiterführt und politische Ungewissheiten anhalten, bleiben den Frankenhütern die Hände gebunden.

Drucken
Teilen

«Beachtlich» sei das jüngste Zahlenwerk der Schweizer Volkswirtschaft. Diese Ansicht äussert Thomas Gitzel, Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank. Konkret hat die Teuerung, die im vergangenen Jahr noch rückläufig war, im Februar von 0,3% auf 0,6% zugelegt. Und die Zuversicht der Einkaufsmanager in der Industrie ist laut einer jüngsten Umfrage auf den höchsten Stand seit fünf Jahren geklettert. Das zeigt: Viele Firmen haben es verstanden, sich mit dem starken Franken zu arrangieren. Kommt hinzu, dass die Eurozone ermu­tigende Signale zaghafter Erholung aussendet, und die US-Wirtschaft läuft auf hohem Niveau.

Eigentlich könnte vor diesem Hintergrund die Schweizerische Nationalbank (SNB) «zufrieden sein und relativ gelassen auf den Franken blicken», schreibt Gitzel. «Doch das Ge­genteil ist der Fall»: Der Blick auf die Devisenreserven zeige, dass die SNB im Februar für bis zu 24 Mrd. Fr. Fremdwährungen gekauft habe, um den Franken zu schwächen respektive den Aufwertungsdruck zu mindern. Das ist der höchste Betrag seit Ende 2014, unmittelbar bevor die SNB Mitte Januar 2015 den Mindestkurs von 1.20 Fr. pro Euro aufgab.

Momentan kostet der Euro rund 1.07 Franken. Die Frankenstärke wird getrieben von politischen Ungewissheiten. Anleger und Unternehmen fürchten um offene Märkte und den Zusammenhalt der EU. Zudem ist US-Präsident Donald Trump immer für eine Überraschung gut. Mit der Niederlage von Geert Wilders in den niederländischen Wahlen ist ein Rechtspopulist gebremst worden, doch nun richten sich die Augen auf die französischen Präsidentschaftswahlen. Dort hoffen die Märkte auf ein Scheitern Marine Le Pens und auf einen Sieg Emanuel Macrons. Dieser hat Arbeitsmarktreformen versprochen, was sich günstig aus­wirken dürfte im Euroraum.

Darüber hinaus ist ein Ende der Talfahrt des Euro, verbunden mit einem Anziehen der Konjunktur und der Inflation im Euroraum, Voraussetzung dafür, dass die Europäische Zentralbank an ein Abrücken von ihrer ultralockeren Geldpolitik denken kann. Erst dann kann auch die SNB Zinserhöhungen ins Auge fassen. Preschte sie dagegen unilateral vor, würde das den Franken weiter stärken. Ergo hat die SNB gestern ihre Geldpolitik unverändert gelassen. Das Zielband des Leitzinses bleibt bei –1,25% bis –0,25% und der Strafzins für Giroguthaben bei der SNB bei –0,75%. Gitzel geht davon aus, dass die SNB einen Kurs von 1.06 Fr. pro Euro mit Devisenkäufen weiter verteidigt. (T. G.)