«Nationalbank wird sich hüten»

Der Franken dürfte wegen der Politik der Europäischen Zentralbank vorerst stark bleiben, sagt Joachim Klement. Mittel- bis langfristig rechnet der Ökonom aber mit einer Abschwächung unserer Währung. Doch es brauche Geduld.

Thomas Griesser Kym
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Die Unterschrift von EZB-Präsident Mario Draghi auf der neuen 20-Euro-Banknote. Draghis Geldpolitik und Äusserungen schwächen den Euro. (Bild: epa/Boris Rössler)

Die Unterschrift von EZB-Präsident Mario Draghi auf der neuen 20-Euro-Banknote. Draghis Geldpolitik und Äusserungen schwächen den Euro. (Bild: epa/Boris Rössler)

Herr Klement, der Franken hat zum Euro auf 1.03 aufgewertet, nachdem er am 20. Februar noch bei gut 1.08 gestanden war. Weshalb diese erneute Erstarkung?

Joachim Klement: Hauptgrund ist die Europäische Zentralbank (EZB), die an ihrer ultra-expansiven Geldpolitik festhält. Zudem hat EZB-Präsident Mario Draghi diese Woche explizit bekräftigt, das Anleihekaufprogramm von über 1000 Milliarden Euro werde definitiv bis zum Ende durchgezogen, also mindestens bis September 2016. In so einem Umfeld bleibt der Euro nicht sonderlich attraktiv.

Welche Rolle spielt die anhaltende Ungewissheit um Griechenland?

Klement: Griechenland hat in die Frankenstärke eher im Februar und März mit hineingespielt, jetzt weniger. Ein Thema dürfte es wieder im Mai und Juni werden, wenn es darum geht, ein neues Hilfspaket für Griechenland zu verhandeln. Das birgt einige politische Ungewissheit. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es zu einem Zahlungsausfall oder zu einem unkontrollierten Austritt Griechenlands aus der Eurozone kommt.

Was könnte ein allfälliges Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro für diesen bedeuten?

Klement: Am Schluss könnte das gar positiv sein für den Euro, da es die Währungsunion stabilisiert. Es ist auch nicht zu befürchten, dass andere Länder den gleichen Weg gehen könnten. Kein Land ist in einer vergleichbaren Lage wie Griechenland; alle anderen haben viel solidere Haushalte. Spanien, Portugal und Irland haben auf die Zähne gebissen, gespart und reformiert. Spanien etwa erwartet für dieses Jahr ein reales Wirtschaftswachstum von 3 Prozent.

Was ist mit Italien und Frankreich?

Klement: Diese beiden gelten als Sorgenländer. Aber Italien steht besser da als man gemeinhin annimmt. Italien hat nicht viele Reformen durchgeführt, aber was es getan hat, das funktioniert. Auch hat Italien keine übermässigen Budgetdefizite. Frankreich hat grössere Probleme, weil die Konjunktur stockt. Aber als zweitgrösste Volkswirtschaft in der Eurozone hinter Deutschland kann Frankreich Extrawürste braten. So dürfen die Franzosen etwa ihre Budgetdefizite länger als geplant über der vereinbarten Grenze halten.

Was bedeutet all das für den Wechselkurs?

Klement: Kurzfristig dürfte die Frankenstärke anhalten, oder der Franken könnte gar noch etwas stärker werden. Ob der Kurs die Parität zum Euro erreicht, kann ich nicht prognostizieren. Meine Grundhaltung aber bleibt: Der faire Wert des Euro liegt bei über 1.20 Franken. Mittel- bis langfristig sollte der Kurs definitiv auf über 1.10 steigen und sich Richtung 1.20 bewegen. Aber das braucht Zeit, das kann, ein, zwei, drei Jahre dauern. Und Rückschläge zwischendurch sind nicht auszuschliessen.

Interveniert die Schweizerische Nationalbank (SNB) Ihrer Einschätzung nach gegenwärtig auf dem Devisenmarkt, um den Franken zu schwächen?

Klement: Ob die SNB Fremdwährungen kauft, weiss man erst am 30. April, wenn sie ihre nächste Bilanz vorlegt. Ich gehe aber davon aus, dass die SNB in den letzten Wochen eher nicht interveniert hat. Es ist wahrscheinlicher, dass sie erst mal abwartet und den Markt spielen lässt.

Inwieweit ist denkbar, dass die SNB im Kampf gegen die Frankenstärke die Negativzinsen von –0,75 Prozent weiter verschärft?

Klement: Das ist nicht ausgeschlossen, doch ich erwarte es nicht. Ob der Negativzins nun noch etwas tiefer ist oder nicht, ist nicht entscheidend. Die SNB wird sich hüten vor Massnahmen, die dann doch kaum Wirkung entfalten. Ich kann mir eher vorstellen, dass die SNB die Geschäftsbanken dazu drängt, die Negativzinsen ihren Kunden weiterzugeben.

Die Anleger, von Pensionskassen bis hin zu Kleinsparern, werden das nicht gern hören.

Klement: Das stimmt. Gerade Pensionskassen werden wohl versuchen, Liquidität umzuschichten. Bei den Kleinsparern denke ich, dass die Bereitschaft, Geld abzuheben und unter der Matratze zu horten, gering ist. Vor allem, wenn allenfalls verhängte Negativzinsen sehr niedrig sein sollten.

Die tiefen Zinsen sprechen aus Renditeüberlegungen ja gegen Liquidität und Obligationen. Was tun?

Klement: Wer heute Rendite will, ist gezwungen, Risiken auf sich zu nehmen. Man kann in Aktien investieren, ist aber der Volatilität der Börsen ausgesetzt. Bei Fremdwährungen muss man das Wechselkursrisiko tragen. Und Immobilien sind auch schon relativ teuer, und die börsenkotierten Immobilienfonds sind schon sehr hoch bewertet.

Seitens der Schweizer Exportindustrie hiess es, mit einem Kurs um 1.10 und drüber könnte man sich arrangieren. Wie gross ist nun der Leidensdruck?

Klement: Zum jetzigen Wechselkurs leidet die preisliche Wettbewerbsfähigkeit im Export. Entweder werden die Produkte teurer, oder man senkt die Preise und nimmt eine Margenkompression in Kauf. Die ganzen Auswirkungen werden wir erst im Jahresverlauf sehen. Schon jetzt trüben sich Stimmungsindikatoren ein. Und es ist damit zu rechnen, dass die Unternehmensgewinne unter Druck kommen. Firmen werden weniger investieren, weniger Personal einstellen und Stellen nicht mehr besetzen. Dagegen sehe ich noch keine Tendenz zu breitgefächerten Entlassungen.

Eine Hoffnung der Schweizer Exporteure ist der Dollar, der erstarkt ist. Doch zuletzt hat sich hier der Wechselkurs auch eher seitwärts bewegt.

Klement: Der Dollar hat die Chance, stärker zu werden, weil die US-Notenbank die Zinsen früher anheben wird als in Europa. Längerfristig, auf ein bis zwei Jahre, dürfte der Dollar gegenüber Euro und Franken aber schwächer werden, weil er überbewertet ist.

Joachim Klement Chefstratege bei der Beratungsfirma Wellershoff & Partners (Bild: pd)

Joachim Klement Chefstratege bei der Beratungsfirma Wellershoff & Partners (Bild: pd)