Nationalbank als Getriebene

Am 10. Dezember nimmt die Schweizerische Nationalbank ihre geldpolitische Lagebeurteilung vor. Viel hängt ab von der US-Notenbank. Und noch mehr von der Europäischen Zentralbank.

Thomas Griesser Kym
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0,75% Zins zahlt, wer bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) Giroguthaben hat, die einen Freibetrag von mindestens 10 Mio. Fr. übersteigen. Eingeführt hatte die SNB diesen Negativzins am 22. Januar 2015 im Kampf gegen die Frankenstärke nach der Aufhebung des Euromindestkurses. Der Negativzins soll den Franken unattraktiver machen und ihn schwächen.

Transatlantische Disharmonie

Viele Marktteilnehmer richten ihr Auge auf die US-Notenbank Fed und hoffen, dass diese noch vor Ende Jahr einen ersten Zinsschritt unternimmt. Das Kalkül: Sobald die Fed mit Zinserhöhungen beginnt, könnten die Europäische Zentralbank (EZB) und in deren Gefolge die SNB ebenfalls gelegentlich die Zinsen anheben. Zinserhöhungen der Fed würden den Dollar weiter stärken und wären Beleg für die Robustheit der US-Wirtschaft. Diese wuchs im 3. Quartal laut jüngster Schätzung von gestern um 2,1% statt wie zuvor berechnet um 1,5%, die Arbeitslosenquote sank im Oktober auf 5%.

Doch punkto EZB sieht es gegenwärtig eher anders aus. So könnte die EZB am 3. Dezember ihre ohnehin extrem lockere Geldpolitik nochmals lockern. Die Wirtschaft der Eurozone wächst zwar, aber noch bescheiden, der Aufschwung scheint fragil zu sein, Inflation ist weit und breit nicht in Sicht. EZB-Präsident Mario Draghi sagte jüngst, die EZB werde Volumen und Dauer ihres Programms zum Aufkauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren im Umfang von über 1000 Mrd. € überprüfen wie auch das Niveau der Strafzinsen für Bankeinlagen neu bewerten. Derzeit zahlen Banken 0,2%, wenn sie Geld über Nacht bei der EZB parkieren.

Szenario höhere Negativzinsen

Einige Ökonomen erwarten, dass die EZB diesen Strafzins erhöhen wird, ihn also tiefer ins Negative drückt. Sollte dies passieren, dürfte die SNB unter Druck geraten und ebenfalls an der Zinsschraube drehen, erwartet die Credit Suisse (CS). Konkret rechnet die Grossbank damit, dass die SNB für diesen Fall ihren Negativzins auf 1% verschärft. Denn der Franken sei gegenüber dem Euro weiterhin deutlich überbewertet und die Inflation mit –1,4% weit entfernt vom angestrebten Wert von 2%. Zudem zeichneten sich in der Schweiz eine «anhaltend schwache» Konjunktur ab und eine Abkühlung des Immobilienmarkts.

Tiefzinsphase hält an

Aber es gibt auch andere Stimmen. Am Montag sagte am Konjunkturforum in St. Gallen Jan-Egbert Sturm, Leiter der ETH-Konjunkturforschung KOF, auch er rechne mit einem ersten Zinsschritt der Fed noch dieses Jahr. Sie dürfte aber behutsam vorgehen und den Leitzins möglicherweise lediglich um 0,125 Prozentpunkte anheben. Ende 2017 könnte der Leitzins laut Sturm vielleicht bei 2,5% liegen. Die EZB dagegen dürfte ihren Leitzins noch länger nahe 0% lassen. Eher erwartet Sturm, dass die EZB im kommenden Jahr ihr Anleihekaufprogramm erweitert. Eine allfällige Verschärfung des Strafzinses erwähnte der KOF-Leiter nicht.

Betreffend SNB geht Sturm aber auch davon aus, dass deren Negativzins noch eine Weile in Kraft bleibt – «sonst bekämen wir grössere Probleme mit dem Wechselkurs». Roland Ledergerber, Chef der St. Galler Kantonalbank, rechnet ebenfalls damit, dass die SNB die Zinsen nächstes Jahr niedrig lässt und sie dann 2017 anhebt.

SFS budgetiert «vorsichtig»

Der Wechselkurs könnte in einer Annahme Sturms bis Ende 2017 bei 1.10 Fr. pro Euro liegen, und zum Dollar sollte der Franken weiter abwerten. Gestern kostete der Euro etwas mehr als 1.08 Franken. Konservativer für nächstes Jahr ist zum Beispiel die Rheintaler SFS Group. Das Industrieunternehmen budgetiert laut Finanzchef Rolf Frei «vorsichtig» mit einem Kurs von 1.05 Fr. pro Euro. Kommenden Mittwoch will die SFS ihre Belegschaft informieren, wie es 2016 mit den Massnahmen zur Abfederung der Frankenstärke weitergeht. Die SFS hatte einen Personalstop verhängt, die Arbeitszeit von 42 auf 44 Stunden erhöht, die Ferien von sechs auf fünf Wochen gekürzt, eine Nullrunde bei den Löhnen verordnet sowie die Vergütungen von Verwaltungsrat und Konzernleitung um jeweils 10% reduziert.