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Nachwehen des Bitcoin-Booms

Vom Kapital der Zuger Start-up-Firma Envion ist sechs Monate nach dem ICO nicht mehr viel übrig. Jetzt klagen in Berlin die Investoren.
Daniel Zulauf
Das Start-up wollte in mobilen Rechencontainern virtuelle Münzen produzieren. (Bild: PD)

Das Start-up wollte in mobilen Rechencontainern virtuelle Münzen produzieren. (Bild: PD)

Nach dem scharfen Kurseinbruch der meisten Kryptowährungen seit Anfang Jahr stellt man sich auch im «Krypto Valley» in Zug die bange Frage, wie es mit der verheissungsvollen Blockchain-Technologie weitergehen soll. Noch scheint die Zuversicht ungebrochen. «Unsere Referenten zeigen auf, was nach dem Hype bleibt und warum die Blockchain-Technologie erst am Anfang ihrer Entwicklung steht», schreibt das Zuger Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern (IFZ) in seiner Einladung zum nächsten Fintech-Forum am kommenden Mittwoch in Zug.

«Die aktuelle Situation erinnert mich in vielerlei Hinsicht an die Dotcom-Blase vor bald 20 Jahren», sagt IFZ-Professor und Forum-Leiter Thomas Ankenbrand. «Der Börsencrash von damals und seine zahlreichen negativen Begleiterscheinungen haben den Aufstieg des Internets nicht verhindert.» Tatsächlich hat die Nachfrage nach Investitionsmöglichkeiten in Blockchain-Technologien nach einem Rückgang zu Beginn des Jahres bereits wieder an Fahrt gewonnen. Gemäss einer aktuellen Analyse des Beratungsunternehmens PWC und der Schweizerischen Crypto Valley Association (CVA) wurde in der ersten Jahreshälfte über sogenannte Initial Coin Offerings (ICO) weltweit ein Kapital im Wert von 13,7 Milliarden Dollar geschaffen. 2017 waren es 7 Milliarden. Doch in der weitgehend unregulierten Welt solcher ICO-Finanzierungsrunden kommt es immer wieder zu Unfällen beziehungsweise zu Fehlentwicklungen, an deren Ende die Investoren Schaden erleiden.

Finma leitete Enforcement-Verfahren ein

Der aktuellste Fall ist der der im Kanton Zug ansässigen Envion AG, die Anfang Jahr im Rahmen eines ICO Bitcoin und andere Kryptowährungen im Wert von rund 100 Millionen Franken bei über 30000 Investoren eingesammelt hat. Nachdem die Envion-Anteile zu einem Dollar ausgegeben worden waren, werden sie heute noch zu 8 Cents gehandelt. Der Berliner Rechtsanwalt Istvan Cocron führt nun Schadenersatzklagen für Anleger im Gesamtwert von über einer Million Dollar, wie er auf Anfrage bestätigt. Cocron klagt auf Prospektbetrug. Envion habe das ICO nicht selber durchgeführt, kritisiert er. Tatsächlich sei die Transaktion über die Berliner Firma Trado gelaufen, was gemäss dem sogenannten «White Paper» (Emissionspapier) nicht vorgesehen gewesen sei. Die hauptverantwortliche Person sei nicht der im Emissionspapier genannte ehemalige ARD-Korrespondent Matthias Wöstmann, sondern der Trado-Geschäftsführer Michael Luckow gewesen. Luckow und Wöstmann liegen inzwischen im Streit über die Macht bei Envion.

Bereits Ende Juli leitete die Finma ein Enforcement-Verfahren gegen das Berliner Start-up ein. Wöstmann wurde seiner Funktion enthoben und von der Behörde durch ein Untersuchungsorgan, die Zürcher Anwaltskanzlei GHR, ersetzt. Derartige vorsorgliche Massnahmen erlässt die Finma auf der Grundlage ihres Auftrages, die Anleger zu schützen. Die Envion-Anteile (Token) haben nach Auffassung der Finanzmarktaufsicht eine anleihenähnliche Form, was offenbar nicht mit dem Gesetz im Einklang ist. Luckow-Sprecher Uwe Wolff sagte auf Anfrage, die Verantwortung für den Prospekt liege bei Wöstmann. Mit einer unrechtmässigen Kapitalerhöhung habe er die Macht an sich gerissen, lautet der einstweilen von einem Berliner Gericht bestätigte Vorwurf. Wöstmann seinerseits hat Anzeige gegen die Envion-Gründer um Luckow erstattet, weil sie Geld aus dem ICO beiseitegeschafft hätten.

Der Fall wirft kein gutes Licht auf den Schweizer Finanzplatz. Cocron sagt, die Finma hätte mindestens prüfen sollen, ob Envion in der Schweiz eine Geschäftstätigkeit ausübe. Dies sei nicht der Fall gewesen. Anfang Jahr rief das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen auf Geheiss des Bundesrates eine Arbeitsgruppe zum Thema Blockchain ins Leben. In Konsultation mit der Branche gehe es darum, die Rahmenbedingungen zu überprüfen und Handlungsbedarf aufzuzeigen. Der Schweizer Unternehmer Sean Prescott, CEO und Gründer der Unity Investment AG, engagiert sich in dieser Arbeitsgruppe mit dem Ziel, die Rechtssicherheit für ICO zu erhöhen. Prescott will Ende Jahr selber via ICO rund 30 Millionen Franken aufnehmen, um damit den Aufbau von Rechenzentren in der Schweiz zu finanzieren. Ähnlich wie Envion ist auch Unity Investment in der Produktion von Bitcoins und anderen Kryptowährungen tätig, wenn auch mit anderem Geschäftsmodell, wie Prescott betont.

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