Mögliche Konkurswelle, Liquiditätsengpässe und Überarbeitung der Lieferketten – diese Themen gewinnen in der Ostschweizer Wirtschaft an Bedeutung

Die Ostschweizer Wirtschaft bleibt fragil, die Unternehmen versuchen, ihre betriebliche und finanzielle Widerstandskraft zu stärken. Dies mit einer Überprüfung der Lieferketten und Investitionen in die Digitalisierung. Allerdings scheinen Reserven zur Neige zu gehen, was Investitionen wiederum erschwert. In der Frage, ob eine Konkurswelle droht, sind die Firmen gespalten. Ökonom Alessandro Sgro versucht zu beschwichtigen.

Thomas Griesser Kym
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Die Maschinenindustrie ist ein Zweig, der besonders unter den Folgen der Coronapandemie leidet.

Die Maschinenindustrie ist ein Zweig, der besonders unter den Folgen der Coronapandemie leidet.

Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Zum vierten Mal haben die beiden Industrie- und Handelskammern (IHK) St.Gallen-Appenzell und Thurgau ihren Mitgliedern den Puls gefühlt. 457 Betriebe haben sich an der Umfrage in der letzten Augustwoche beteiligt. Der Grundtenor:

«Die Massnahmen des Bundesrats zur Eindämmung des Coronavirus waren für die gesamte Ostschweizer Wirtschaft einschneidend.»

Demnach beurteilt rund ein Drittel der befragten Unternehmen die Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr 2020 als schlecht. Neun von zehn Ostschweizer Unternehmen sprechen für diese Periode von «deutlichen Erschwernissen in ihrer Geschäftsentwicklung». Als häufigste Gründe nannten zwei Drittel der Firmen Bestellungsrückgänge und eine geringere Nachfrage sowie ein Drittel der Unternehmen einen zu hohen Personalbestand.

Maschinenbau muss unten durch, Bau läuft relativ rund

Besonders betroffen war die stark exportorientierte Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie). Die Mehrheit der Firmen dieser Branche erwartet, dass die Erschwernisse im zweiten Semester anhalten. Immerhin dürften die Umsätze nicht mehr so drastisch zurückgehen wie im ersten Halbjahr. Doch, so die Einschätzung von zwei Dritteln der Betriebe: Ein allgemeiner Aufholeffekt sei bis Ende Jahr aber nicht zu erwarten.

In eine andere Richtung zeigt die Entwicklung der Bauindustrie. Deren Geschäft hat sich gemäss Umfrage im ersten Semester gut entwickelt, und die Firmen haben mehrheitlich lediglich geringe oder gar keine Umsatzeinbussen verzeichnet. Für das zweite Halbjahr wird hingegen eine Eintrübung erwartet.

Störungen der Lieferketten

Ein Thema, das die Wirtschaft gründlich beschäftigt hat, waren die Grenzschliessungen. Dies hat unter anderem die internationalen Lieferketten teils oder ganz unterbrochen. Jedes vierte der befragten Unternehmen gab an, es sei Ende April von unterbrochenen Lieferketten betroffen gewesen. Die beiden IHK halten fest:

«Für die stark exportorientierte Ostschweizer Wirtschaft sind offene Grenzen überlebenswichtig.»

Viele Betriebe überdenken ihre Beschaffungspolitik

Um sich für allfällige künftige Störungen zu wappnen, strebt jedes dritte befragte Unternehmen eine Anpassung seiner Lieferketten an. Im Zentrum steht eine Überprüfung der bestehenden internationalen Lieferketten. Aber auch der Aufbau zusätzlicher Lieferketten und ein Hauptaugenmerk auf europäische und inländische Partnerfirmen werden als Optionen erachtet (siehe Grafik).

Unternehmen überarbeiten ihre Lieferketten

Erwägen Sie aufgrund der Coronapandemie Anpassungen? (Angaben in Prozent, Mehrfachnennungen möglich)
010203040Nichts geplantHaben keine internationalen LieferkettenPrüfung bestehender internationaler LieferkettenAufbau zusätzlicher LieferkettenEuropäische Lieferketten gewinnen an BedeutungFokus auf inländische PartnerfirmenWiedereingliederung ausgelagerter Prozesse

Nicht zur Diskussion für eine Mehrheit der Firmen stünden dagegen ein Ausbau der Lagerkapazitäten für Vorprodukte und Rohmaterial. 7,2 Prozent der Unternehmen bauen Ihre Lagerkapazität sogar zurück. Ein Grund dürfte sein, dass Lagerhaltung mit Kosten verbunden ist und Kapital bindet.

Bangen vor dem Herbst und Winter

Die täglichen Fälle nachgewiesener Coronainfektionen bewegen sich derzeit auf dreistelliger Höhe. «In den anstehenden Herbst- und Wintermonaten könnte eine zweite Welle die Wirtschaft erneut hart treffen», schreiben die IHK. Und:

«Ein Grossteil der Ostschweizer Unternehmen wäre für eine mögliche zweite (Teil-)Lockdown-Phase nicht genügend vorbereitet.»

Demnach geben zwar über 60 Prozent der befragten Unternehmen an, über Schutzkonzepte und die technische Infrastruktur zu verfügen. Weniger als die Hälfte verfügt jedoch über die notwendigen liquiden Reserven für eine zweite Lockdown-Phase.

Liquidität als ein Knackpunkt

Während der ersten Phase hatten auch lediglich 30 Prozent der Firmen eine staatlich verbürgten Überbrückungskredit beantragt, und 80 Prozent taten dies als Vorsichtsmassnahme, haben das Geld also noch nicht angetastet.

Die IHK kommen jedoch zum Schluss: «Während in der ersten Lockdown-Phase viele Unternehmen von den aufgebauten liquiden Reserven zehren konnten, scheinen sich diese Reserven mittlerweile erschöpft zu haben.» Alessandro Sgro, Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell, sagt:

«Das Thema Liquidität könnte entscheidend werden.»

Skepsis auf etwas längere Sicht

Für das zweite Semester rechnen 70 Prozent der Ostschweizer Firmen mit einer niedrigeren Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen. Die Erwartungshaltung der Unternehmen hat sich seit der letzten Umfrage Ende April markant verschlechtert. Rechneten damals 43 Prozent damit, dass die Erschwernisse über neun Monate andauern werden, sind es im August 80 Prozent. Knapp 40 Prozent gehen sogar von einer Dauer von über einem Jahr aus.

Diese Ungewissheit wirkt sich negativ auf das Investitionsverhalten der Unternehmen aus. Über die Hälfte gibt an, Investitionen im zweiten Halbjahr weiterhin zurückhalten zu wollen.

Gibt es massenweise Pleiten?

Gespalten sind die Firmen bei der Frage, ob sie aufgrund ihrer Kontakte mit Kunden und Lieferanten eine grössere Konkurswelle erwarten. Gut die Hälfte sagt Nein, 44 Prozent sagen Ja. Sgro interpretiert dies so:

«Dieses Resultat verdeutlicht sinnbildlich die fragile und unsichere Situation bei den Ostschweizer Unternehmen.»

Wovon geht der Ökonom selber aus?

«Ich erwarte nicht unmittelbar eine grössere Konkurswelle.»

Chefökonom hält den Ball flach und lobt die Kurzarbeit

Sgros Zuversicht nährt sich daraus, dass er beobachtet, dass viele Unternehmen daran arbeiteten, ihre betriebliche Widerstandsfähigkeit zu stärken. «Hier sehen wir mit der Diversifikation von Lieferketten und Investitionen in die Digitalisierung positive Signale», sagt Sgro. Ferner erwähnt er Bestrebungen, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln sowie neue Marktanteile zu ergattern.

Ein weiterer Punkt, der laut Sgro für die Wirtschaft wichtig ist und vorläufig auch bleibt:

«Das Instrument der Kurzarbeit hat gewirkt. Diese ist ein wichtiger Stabilisator.»
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