Mit Tidjane Thiam geht ein erfolgreicher Manager, der selbst im inneren Zirkel der Zürcher Bankenwelt vielen ein Phantom geblieben ist

Der Credit-Suisse-Verwaltungsrat zieht die Notbremse und trennt sich vom CEO Tidjane Thiam. 

Daniel Zulauf
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Tidjane Thiam verlässt die Credit Suisse.

Tidjane Thiam verlässt die Credit Suisse.

Walter Bieri / Keystone/21. Oktober 2015

Der Credit-Suisse-Verwaltungsrat hat überraschend die Notbremse gezogen und seinen CEO Tidjane Thiam gegen den ausdrücklichen Willen seiner grössten Aktionärin entlassen. Offiziell ist aber von «Rücktritt» die Rede. Der Verwaltungsrat habe diesen anlässlich seiner ordentlichen Sitzung am Donnerstag «einstimmig» angenommen, heisst es in einer Mitteilung, welche die Bank am Freitagmorgen versandt hatte.

Das zweiseitige Communiqué liefert keine Begründung für den Entscheid. Stattdessen werden Thiams Leistungen um die Neuausrichtung der Bank in den vergangenen viereinhalb Jahren eingehend gelobt. Es sei «klar sein Verdienst, dass die Credit Suisse heute wieder als grundsolide Bank dasteht und in die Gewinnzone zurückgekehrt ist», heisst es in der Mitteilung.

Auch Thiam selbst kommt darin zu Wort. Er betont zum wiederholten Mal, dass er von der Beschattung zweier ehemaliger Kollegen «keinerlei Kenntnis» hatte. Dies bescheinigten ihm auch zwei von der Credit Suisse selbst bei der Zürcher Anwaltskanzlei Homburger in Auftrag gegebene Untersuchungen.

Verwaltungsratspräsident Urs Rohner sagte jedoch in einem Interview mit dem Schweizer Radio, die Situation habe sich verschlechtert, nachdem Ende Dezember, drei Monate nach Bekanntwerden der Bespitzelung des ehemaligen Star-Managers Iqbal Khan, ein zweiter Beschattungsfall publik geworden war.

Die klandestine Überwachung des früheren Personalchefs Peter Goerke führte zur fristlosen Entlassung von Thiams langjährigem Weggefährten und vormaligen Credit-Suisse Betriebschef Pierre-Olivier Bouée.

Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) setzte daraufhin einen Prüfbeauftragten ein, um das interne Informationsverhalten in der Konzernführung zu untersuchen. Die Untersuchung werde fortgesetzt, teilte die Finma gestern auf Anfrage mit.

Rohner sagte in dem Radiointerview, seit dem Vorfall im Dezember sei klar geworden, dass sich der Vertrauensverlust bei den Kunden, Mitarbeitern und Aktionären («Stakeholders») verfestigt habe. Der Verwaltungsrat habe mit Blick auf das Unternehmen und dessen Reputation entschieden. Einen Machtkampf zwischen ihm Thiam habe es nie gegeben. Es sei auch nie um persönliche Differenzen mit CEO gegangen, sagte Rohner.

Die Darstellung des Präsidenten lässt aussenstehende Beobachter ratlos zurück, zumal er selbst bei wichtigen Aktionären das Vertrauen verloren zu haben scheint. David Herro, Investmentchef von Harris Associates, verlangte gestern im Interview mit Bloomberg-TV Rohners Rücktritt. «Wenn es ihm wirklich um die Bank geht, dann muss er jetzt gehen», sagt Herro, dessen Gesellschaft mehr als 8 Prozent aller Credit-Suisse-Aktien hält.

Harris Associates werde an der Generalversammlung vom 30. April gegen Rohners Wiederwahl stimmen, sagte Herro. Er habe sich diesbezüglich auch mit anderen Aktionären abgesprochen. Um die Investition von Harris Associates zu schützen erwäge man auch rechtliche Schritte gegen Rohner. Auch die Schweizer Anlagestiftung Ethos bekräftige am Freitag die schon Anfang Woche kommunizierte Rücktrittsforderung.

Indessen sagte Rohner im Radiointerview, es sei das gute Recht von Aktionären, gegen seine Wiederwahl zu stimmen. Viele andere Aktionäre hätten ihm zudem Unterstützung zugesichert.

Die Vorgänge bei der Credit Suisse werden auch beim Schweizerischen Bankpersonalverband aufmerksam verfolgt. Geschäftsstellenleiterin Denise Chervet wertet Thiams Abgang insofern positiv, als nach der monatelangen Patt-Situation nun endlich eine Entscheidung gefallen sei.

«Die Unsicherheit über die zukünftige Führung der Bank hat das Klima unter den Mitarbeitenden schwer belastet. Ich erlebe die Credit-Suisse-Angestellten seit einiger Zeit als übervorsichtig. Die Angst um den Arbeitsplatz ist zu spüren», sagte sie auf Anfrage.

Während Thiams Verdienste um die Neuorientierung der Bank weitgehend unbestritten sind, blieb dieser für viele Akteure auf dem Schweizer Finanzplatz eine Art Phantom. «Ich kenne Herrn Thiam nicht persönlich und auch nach fünf Jahren habe ich niemanden sagen gehört, er oder sie kenne ihn wirklich gut», sagt Christian Bretscher, Geschäftsführer des Zürcher Bankenverbandes.

«Dies mag ein Zeichen dafür sein, dass er in der lokalen Familie nie ganz angekommen ist.» Mit Thomas Gottstein wird nun ein Credit-Suisse-Veteran Nachfolger Thiams. Es ist das erste Mal seit 18 Jahren, dass die Bank wieder von einem Schweizer geführt wird.

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