«Mit Souveränität nichts zu tun»

Aufgeschreckt von jüngsten Umfragen über das schottische Referendum melden immer mehr Geschäftsleute Bedenken an gegen eine Unabhängigkeit Schottlands. Die Abstimmung findet am kommenden 18. September statt.

Sebastian Borger
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Die Royal Bank of Scotland (RBS) in Edinburgh. Das Geldinstitut droht mit einem Umzug nach London, sollte Schottland unabhängig werden. (Bild: epa/Andy Rain)

Die Royal Bank of Scotland (RBS) in Edinburgh. Das Geldinstitut droht mit einem Umzug nach London, sollte Schottland unabhängig werden. (Bild: epa/Andy Rain)

LONDON. Die Ungewissheit über das schottische Referendum hat eine Reihe wichtiger Konzerne und Wirtschaftsverbände aus ihrer bisher zur Schau gestellten Neutralität gelockt. Der Präsident des Industrieverbandes CBI und Aufsichtsratschef des Kommunikationsunternehmens BT, Mike Rake, warnt vor rückläufigen Investitionen in Schottland und dem Rest des Landes, falls sich die Nordprovinz von Grossbritannien abspaltet. «Die Verunsicherung wird sicher zehn Jahre anhalten», sagt Rake. Über ein halbes Dutzend Finanzkonzerne haben im Fall der Unabhängigkeit die Verlegung ihres Hauptquartiers nach England in Aussicht gestellt. Detailhandelsketten warnen vor höheren Konsumentenpreisen. Separatistenchef Alex Salmond von der SNP spricht von «Angstmacherei».

Belastung für die EU

Jüngste Umfragen sehen die schottischen Nationalisten mehr oder weniger Kopf an Kopf mit den Unionisten. Wie im Regierungsviertel Westminster haben diese Werte auch das Finanzzentrum City of London in Aufregung versetzt. Der anhaltenden Ungewissheit wegen wurden sämtliche für Ende kommender Woche geplanten Börsengänge verschoben. Analysten verweisen auf schwerwiegende Folgen einer etwaigen Unabhängigkeit Schottlands für Ansehen und Haushalt des verbleibenden Rest-Britanniens. Dessen Austritt aus der EU werde wahrscheinlicher, prognostiziert Azad Zangana, Europa-Ökonom beim Vermögensverwalter Schroders: «Ohne Schottland wird ein Wahlsieg der Konservativen und damit ein EU-Referendum sehr viel wahrscheinlicher.» Der verbleibende Staat hätte zudem weniger Geld, weil die Steuereinnahmen aus dem Nordsee-Öl wegfielen. Das Haushaltdefizit würde von derzeit 4,5% des Bruttoinlandprodukts auf «5,5 bis 6,5 Prozent» steigen, was eine erhebliche Abwertung des Pfundes zur Folge hätte, sagt Zangana.

Ungewissheit über Währung

Die Währung eines unabhängigen Schottlands ist ungeklärt und trägt damit erheblich zur Besorgnis der Wirtschaft bei. Salmonds Edinburgher Regionalregierung will eine Währungsunion mit London eingehen, was von den drei landesweiten Parteien – die Koalitionspartner Konservative und Liberaldemokraten sowie die Labour-Opposition – ausdrücklich ausgeschlossen wird, und zwar mit Verweis auf die Eurozone: Dort könne man studieren, was in einer Währungsunion ohne politische Union schiefgehen könne. Die bisher schweigsame UKI-Partei warnt die Schotten, sie würden von der EU zur Mitgliedschaft im Euro gezwungen werden. «Das hat mit Souveränität nichts zu tun», sagt der UKI-Parteivorsitzende und Europa-Abgeordnete Nigel Farage.

Während Banken wie Clydesdale, TSB und RBS ihre Zentralen in den Süden verlegen würden, sieht der Gründer des Vermögensverwalters Aberdeen Asset Management keinen Grund zur Aufregung. Schottland gehöre zu den 20 reichsten Ländern der Welt und werde es in jedem Fall bleiben, sagt Martin Gilbert: «Ein unabhängiges Schottland wäre ein Riesenerfolg.»

Würde das Leben teurer?

Allerdings mit höheren Detailhandelspreisen, warnt Charlie Mayfield, Aufsichtsratschef der 150 Jahre alten Warenhauskette John Lewis. Wegen der Geographie und der vergleichsweise geringen Bevölkerung seien die Kosten für seinen und vergleichbare Konzerne in Schottland höher als im dichter besiedelten England. «Das würde zu unterschiedlichen Preisen führen.»

Labour-Chef Ed Miliband hat für den Rest der Kampagne seinen Kalender freigeräumt. Für die alte Arbeiterpartei mit tiefen Wurzeln vor allem in der Industrieregion um Glasgow steht viel auf dem Spiel. Meinungsforscher haben eine massenhafte Abwanderung desillusionierter Labour-Wähler ins Ja-Lager festgestellt.

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