Mit Saatgut mächtig geworden

Der von der deutschen Bayer umworbene US-Konzern Monsanto ist im Sortiment breit abgestützt. Das spricht für eine solide Kursentwicklung. Das öffentliche Ansehen steht aber in krassem Widerspruch zu jenem an der Wall Street.

Jens Schmitz
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Ein Farmer im US-Staat Illinois bereitet seine Aussaat der Monsanto-Marke DeKalb vor. (Bild: ap/Seth Perlman)

Ein Farmer im US-Staat Illinois bereitet seine Aussaat der Monsanto-Marke DeKalb vor. (Bild: ap/Seth Perlman)

ST. LOUIS. Es wäre die teuerste Übernahme der deutschen Industriegeschichte: Die Leverkusener Bayer AG will für den US-Konzern Monsanto 62 Mrd. $ zahlen. Das deutsche Chemie- und Pharmaunternehmen bezifferte sein Angebot gestern in einer entsprechenden Pflichtmitteilung an die Finanzwelt.

Einträchtiges Geschäft

Monsanto hat einen Marktwert von 44,4 Mrd. $. Der Konzern verdient sein Geld mit landwirtschaftlichem Saatgut und Pflanzenschutzmitteln. Das Unternehmen ist für die Entwicklung genetisch veränderter Sorten bekannt, die gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent sind, Schädlinge abwehren können und Dürren überstehen. Dank des umstrittenen Wirkstoffs Glyphosat hat es auch das Herbizid Roundup in die Schlagzeilen geschafft.

Monsanto hat seine Technologie patentiert und in grossem Stil an Wettbewerber lizenziert. Das Geschäft ist einträglich: Der weltgrösste Anbieter von Getreidesaatgut erzielte im letzten Jahr 2,3 Mrd. $ Gewinn; bis 2019 will Monsanto diesen Betrag mehr als verdoppeln. Die Firma, die sich auf ihrer Homepage als «nachhaltiges Landwirtschaftsunternehmen» definiert, beschäftigt weltweit gut 21 000 Angestellte. Sie betreibt 404 Niederlassungen in 66 Ländern, davon fünf in Deutschland.

Umfassend aufgestellt

An der Börse gilt Monsanto dank einer ausbalancierten Geschäftsstrategie als sichere Bank: Allein in den USA sind mehr als 90% des Mais-, Soja- und Baumwollanbaus heute gentechnisch verändert. Wegen der Breite seines Angebots macht der Konzern Sorteneinbrüche gewöhnlich an anderer Stelle wett. Die aufeinander abgestimmten Saatgut- und Pflanzenschutzprodukte halten Kunden dauerhaft; wo Patente auslaufen, stehen Neuentwicklungen bereit. Selbst wenn Konkurrenten Marktanteile erobern, verdient der Chemieriese mit: Dann werden mehr Lizenzgebühren fällig. Der Konzern bietet Landwirten inzwischen auch Produkte zur Datenanalyse, um die Produktivität ihrer Betriebe zu erhöhen.

Allerdings: Das öffentliche Ansehen steht im Widerspruch zu jenem an der Börse. In Beliebtheitsumfragen unter Nichtregierungsorganisationen und Normalbürgern landet Monsanto regelmässig im Keller; für Umweltschützer und Biobauern verkörpert die Firma das Böse schlechthin. Das Image ist auch deshalb so mies, weil Monsanto Kritikern jahrelang aus dem Weg ging, statt sich auf einen Dialog einzulassen. Die Intentionen des Agrarriesen in Zweifel zu ziehen war leicht: Wie die Geschichte der meisten Chemiehersteller hat auch diejenige von Monsanto nicht nur Ruhmesblätter zu bieten. 1901 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri als einfache Chemiefabrik gegründet, war die Firma bei der Herstellung von DDT und PCB genauso führend wie bei der Produktion des Entlaubungsmittels Agent Orange im Vietnamkrieg.

Geteilte Meinungen

Monsanto kann sich brüsten, 1968 als erster Betrieb mit der Massenproduktion von LED-Lampen begonnen zu haben. Die meisten Menschen wissen aber gar nicht, dass der Konzern vor seiner Konzentration auf die Agrarindustrie breiter aufgestellt war. Sie teilen sich in Befürworter, die nicht glauben, dass dem Welthunger mit Ökomethoden beizukommen ist, und Kritiker, die ein Spiel mit der Schöpfung und aggressive Marktpolitik beklagen. Das aktuelle Übernahmeangebot hat Monsanto womöglich selbst angestossen: Im vergangenen Jahr hatte der Konzern versucht, den Schweizer Konkurrenten Syngenta zu schlucken, und damit Unruhe in die Branche gebracht. Inzwischen hat Syngenta einer Übernahme durch den chinesischen Staatskonzern ChemChina zugestimmt, und DuPont und Dow Chemical streben ebenfalls eine Fusion an.

Wenige, sehr grosse Konzerne

Damit würde der Weltmarkt für Pflanzenschutz und Saatgut künftig von fünf Grosskonzernen dominiert. Auch BASF wurde Interesse an Monsanto nachgesagt. Die deutschen Firmen sind dem US-Konzern bei der Agrarchemie voraus, haben aber den Anschluss im Bereich Gentechnologie verpasst. Eine Monsanto-Übernahme durch Bayer würde das Oligopol auf vier reduzieren – und die Leverkusener an die Spitze katapultieren. Neben dem finanziellen Kraftakt muss Bayer allerdings auch die Bedenken deutscher Anteilseigner bewältigen, die vorrangig in ein Pharmazieunternehmen investiert haben – die geplante Übernahme würde die Identität des Dax-Unternehmens ändern.

Auch auf amerikanischer Seite gibt es Hindernisse. Käme der Deal zustande, würden mehr als 80% des Maissaatguts in den USA künftig von drei Riesen kontrolliert. Für die Kartellbehörde im US-Justizministerium bedeutet das wie für die Europäische Kommission, dass sie auch die laufende Bewertung der beiden anderen Übernahmen neu abwägen müssen. Was Monsanto selbst von der Sache hält, ist ebenfalls unklar. Das Unternehmen hatte letzte Woche nur mitgeteilt, es gebe keinerlei Garantie für einen Deal. Anfragen per Telefon und E-Mail liess die Pressestelle unbeantwortet.