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Tourismusdestinationen kämpfen mit Auszeiten gegen den Leerstand

Viele alpine Tourismusdestinationen haben ein Problem: In der Nebensaison ist nicht viel los, es gibt hohe Leerstände und wenig Einnahmen. Ein jetzt gestartetes Projekt in Graubünden soll Abhilfe schaffen.
Andreas Lorenz-Meyer
Ferienwohnungen in Cumbel in der Region Surselva. Im Hintergrund der Piz Terri. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (20. April 2016)

Ferienwohnungen in Cumbel in der Region Surselva. Im Hintergrund der Piz Terri.
Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (20. April 2016)

In Graubünden geht rund ein Drittel der Bruttowertschöpfung und der Beschäftigung auf den Tourismus zurück. Das entspricht 3,3 Milliarden Franken Umsatz pro Jahr und 25530 Vollzeitarbeitsplätzen. Urlauber bilden das wirtschaftliche Rückgrat der Region, jedoch kommen übers Jahr unterschiedlich viele. Während zur Hochsaison im Winter alles voll ist, gibt es im Mai und November, der klassischen Nebensaison, viel Leerstand und vergleichsweise wenig Wertschöpfung. Die Zahlen aus der Surselva belegen dies.

Dort herrscht im Jahres- verlauf ein Auf und Ab bei den Auslastungsraten der Ferienwohnungen. Im Januar sind es geschätzt 55 bis 65 Prozent, wobei die erste und die letzte Woche eine hohe Auslastung haben, die mittleren Wochen eine tiefe. Im Februar liegt die Rate bei 95 Prozent, im Mai bei 5 bis 10, in Juli und August bei 25 bis 35 Prozent. Der Tiefstand im November: 2 bis 5 Prozent. In Davos ist es ähnlich: viele ungenutzte Immobilien in der Nebensaison. Aber das soll sich ändern.

Nebensaison so kurz wie möglich halten

Anfang dieses Jahres starteten die beiden Regionen Surselva und Prättigau/Davos das Modellprojekt «Alpine Sabbaticals». Man will Auszeitler anwerben, um den Leerstand in den touristischen Randzeiten zu verringern. Prättigau-Davos bemüht sich um Gäste, die aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit benötigen. Zur Prävention, um ein Burn-out abzuwenden. Oder zur Genesung nach einem Burnout-bedingten beruflichen Ausfall. Surselva wirbt mit der klassischen Auszeit. Berufspausierende und urbane Aussteiger sollen kommen. Auch Rentner, die eine Herausforderung suchen.

Die Gäste wohnen in sonst leer stehenden Ferienwohnungen und -häusern sowie in Alphütten, ihre Familien können sie mitbringen. Der Aufenthalt von ein bis drei Monaten ist verlängerbar. Ein Kernaspekt des Projekts ist weiter, dass die Langzeitgäste auch am lokalen Geschehen teilnehmen sollen. Daher beinhalten die Sabbatical-Pakete auch die Teilhabe an Programmen vor Ort: Rätoromanisch-Kurse, Erlernen regionaler Handwerkstechniken, Anpacken auf der Alp oder dem Bauernhof, Verschönerungsarbeiten am Ortsbild. «Purpose Tourism» lautet das Stichwort («purpose» bedeutet auf Englisch «Aufgabe», «Zweck»): Touristen leisten vor Ort einen Beitrag zum Gemeinwohl. Aber nicht etwa, um ohnehin notwendige Arbeitskräfte zu ersetzen, sondern freiwillig, aus Interesse an Land und Leuten.

«In diesem Ansatz liegt eine grosse Chance», meint Stefan Steiner, Leiter Regionalentwicklung Prättigau/Davos. Denn: «Die Gäste setzen sich intensiv mit dem Ort auseinander.» Es sei durchaus auch möglich, dass sich einige entscheiden würden, «ihren Lebensmittelpunkt neu in die Berge zu verlegen». Steiner sieht eine Win-win-Situation bei diesem «Slow Tourism»: «Die Gäste profitieren von der Nähe zum alpinen Geschehen und der Ruhe in der Nebensaison. Die Bergregion profitiert von der touristischen Nutzung während der Randzeiten.» Ziel ist es, die Nebensaison so kurz wie möglich zu halten und den Sommertourismus zu stärken. «So können wir die touristische Wertschöpfung in unserer Region über das ganze Jahr erzielen. Sie konzentriert sich nicht allein auf den Winter.»

Das Konzept besitzt Potenzial, meint Mik Häfliger, Leiter Innovationsmanagement bei Graubünden Ferien. Zum einen wegen der zunehmenden modernen Arbeitsformen wie Co-Working und mobiler Arbeit. Zum anderen wegen der immer häufiger werdenden Sabbaticals, die Unternehmen Mitarbeitenden zugestehen – etwa nach zehn Dienstjahren – oder sogar fördern.

Werbung auf allen Kanälen

Auch die demografische Entwicklung begünstige «Alpine Sabbaticals»: Der immer aktivere Lebensstil älterer Personen führt dazu, dass sie offen sind für Langzeitvermietungen. «Da aber die heutigen Senioren im Durchschnitt über eine höhere Finanzkraft verfügen als früher, stellt sich die Frage, ob sie Ferienwohnungen mieten oder stattdessen gleich selbst ein Eigenheim kaufen wollen», so Häfliger. Das Pilotprojekt muss zeigen, ob die Auszeitler wirklich eine Besserauslastung vorhandener Infrastrukturen sowie mehr Wertschöpfung in den Destinationen bringen. Und ob sie sich tatsächlich aktiv vor Ort engagieren.

Die Anwerbung beginnt jetzt im Sommer in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein. Man sucht noch Partnerunternehmen, die ihre Mitarbeiter direkt über das Projekt informieren. Kooperationen mit Krankenkassen zur Vermittlung von Burn-out-Patienten sind ebenso angedacht. Die breitere Streuung läuft über Inserate in deutschsprachigen Alpen-, Ferien- und Lifestyle-Magazinen, in Zeitungen und im Radio. Hinzu kommen Newsletter und Social-Media-Kanäle der Organisationen Graubünden Ferien, Davos Klosters Tourismus und Surselva Tourismus. Die Übertragung des Konzepts auf andere vom Leerstand betroffene Alpenregionen ist möglich, aber das kommt alles später. Im Herbst erwarten die beiden Pilotregionen die ersten Sabbatical-Gäste.

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