«Mister Euro» ist wachsam

Mario Draghi, neuer Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), gilt als diszipliniert und kompetent. Damit dürfte er auch in den aktuell rauhen Zeiten den Kurs der EZB fortsetzen.

Ulrich Glauber
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Mario Draghi: Der gebürtige Römer hat die Leitung der Europäischen Zentralbank in stürmischen Zeiten übernommen. (Bild: ap/Yves Logghe)

Mario Draghi: Der gebürtige Römer hat die Leitung der Europäischen Zentralbank in stürmischen Zeiten übernommen. (Bild: ap/Yves Logghe)

FRANKFURT. Die einen beschreiben den gebürtigen Römer als Amerikaner im Geiste. Die anderen sehen ihn als Verkörperung preussischer Tugenden. Klar ist, dass der neue EZB-Chef, seit gestern im Amt, so ziemlich das Gegenteil von allem darstellt, wofür Italien während der Ära Silvio Berlusconi berüchtigt ist. Der 64jährige Draghi gilt als nüchtern, diszipliniert und international renommiert, drängt sich jedoch nicht ins Rampenlicht.

Seine Karriere als Finanzfachmann mag Draghi in die Wiege gelegt worden sein. Schon sein Vater war leitender Beamter in der italienischen Nationalbank. Verantwortungsbewusstsein musste der Jesuitenschüler schon als 15-Jähriger zeigen, als kurz hintereinander der Vater und die Mutter starben und er sich um seine jüngeren Geschwister kümmern musste. Seinen Ruf als angelsächsisch angehauchter Volkswirtschafter hat er wohl dem Umstand zu verdanken, dass er schon in den USA studierte, als andere junge Leute in seinem Alter das Ausland nur vom Hörensagen kannten.

Bilderbuchkarriere

Als Spitzenökonom hat Draghi auf allen möglichen Gebieten Erfahrungen gesammelt. Er war Wirtschaftsprofessor, arbeitete für die Weltbank und als Staatssekretär im italienischen Finanzministerium, kennt die Privatwirtschaft aus seiner Zeit bei der US-Investmentbank Goldman Sachs und war danach Chef der italienischen Notenbank. Nicht erst dort hat Draghi sich regelmässig mit der italienischen Regierung angelegt und gezeigt, dass ihm Schuldenpolitik à la Berlusconi ein Graus ist. Als höchster Beamter im italienischen Finanzministerium spielte er die entscheidende Rolle, damit Italien in den 90er-Jahren überhaupt Mitglied der Eurozone werden konnte. Unbestechlich wachte er über eine Privatisierungswelle und stiess Gesetze an, die das wirtschaftliche Interessengeflecht in Italien durchschlagen sollten. Dem Italiener eilt nach alledem ein Ruf als «Falke» voraus, der eisern staatliche Budgetdisziplin und Preisstabilität vertritt.

Geldspritzen für die Banken

Doch der Pragmatiker ist nicht so prinzipienversessen, dass er die Augen vor der Realität verschliesst. Wie Vorgänger Jean-Claude Trichet will er die einander misstrauenden Banken grosszügig mit EZB-Geld versorgen. Draghi hat sich dieser Tage auch dazu geäussert, welches Mass an Geldentwertung noch toleriert werden soll. «Wir wollen die Inflationserwartungen im Euroraum so verankern, dass mittelfristig die Preise um knapp zwei Prozent jährlich steigen. Diese Eingriffe verhindern, dass die Ungleichgewichte noch wachsen; sie können aber die Ursachen nicht beseitigen», sagt der EZB-Präsident. Das Glas sei halb voll oder halb leer – je nachdem, aus welchem Euroland es betrachtet werde.

Mario Draghi (Bild: epa/Dirk Michael)

Mario Draghi (Bild: epa/Dirk Michael)

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