MISSBRÄUCHE: Viele Suva-Betrüger überführt

Der Unfallversicherer Suva hat 2016 ungerechtfertigte Leistungsbezüge von 18 Millionen Franken verhindert. Nun hofft die Suva im Kampf gegen Versicherungsmissbrauch auf Schützenhilfe durch Gesetzesgeber.

Ernst Meier
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Nicht nur Ärzte nehmen gewisse Patienten besonders genau unter die Lupe. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Nicht nur Ärzte nehmen gewisse Patienten besonders genau unter die Lupe. (Bild: Christian Beutler/KEY)

Ernst Meier

Die Geschichten von überführten Versicherungsbetrügern hören sich oftmals ganz simpel an, dahinter steckt jedoch viel kriminelle Energie – und oftmals braucht es viel Aufwand, um die Betrüger zu überführen. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines jungen Paares, das an einem Herbsttag im Auto unterwegs ist. In einem Kreisel kollidiert ihr Fahrzeug mit einem anderen Auto. Das Paar verletzt sich und erhält in der Folge von der Suva Leistungen von mehr als 250000 Fr. zugesprochen. Doch wenig später meldet die Autogarage, dass das Unfallfahrzeug schon vor der Kollision nicht mehr fahrtüchtig war. Nun nimmt sich die Koordinationsstelle für Missbrauchsbekämpfung der Suva dem Fall an. Sie startet aufwendige Nachforschungen und deckt auf: Der ganze Unfall wurde von den beteiligten Parteien fein säuberlich organisiert.

Für Fälle wie diese hat die Suva 2007 eine zuständige Koordinationsstelle geschaffen, 2015 wurde sie personell auf 15 Mitarbeiter vergrössert. Mit Erfolg: Im letzten Jahr ist es der Luzerner Unfallversicherung gelungen, eine Rekordzahl an Verdachtsfällen zu untersuchen. «2016 verhinderten wir dank systematischer Missbrauchsbekämpfung mehr Leistungsbezüge als je zuvor», wie Roger Bolt, Teamleiter Missbrauchsbekämpfung der Suva, gestern erklärte. In Zahlen ausgedrückt: 18 Mio. Fr. konnte die Versicherung einsparen. Das sind 5 Mio. Fr. mehr als in den beiden Vorjahren. Untersucht hat die Suva-interne Abteilung 949 Verdachtsfälle, 375 mehr als im Vorjahr.

Auch gewerbsmässiger Betrug kommt vor

Beim Missbrauch scheinen die Betrüger in Sachen Fantasie und krimineller Energie keine Grenzen zu kennen. Laut Suva kommt es vor, dass gewisse Akteure gewerbsmässig vorgehen, wie ein weiteres Beispiel zeigt. Ein Gipserunternehmer richtete seine Geschäftstätigkeit nicht in erster Linie darauf aus, möglichst gute Arbeit zu erledigen und seine Kunden zufriedenzustellen. Vielmehr organisierte er Versicherungsbetrügereien, indem er immer wieder verunfallte Angestellte seiner Firma bei der Suva meldete. Diese arbeiteten jedoch munter weiter, während sie Taggeld von der Suva kassierten. Dabei wurde der Unfallversicherer um über 140 000 Fr. geprellt.

Im Kampf gegen Versicherungsbetrug setzt die Suva auf verschiedene Massnahmen und lässt jeweils alle verdächtigen Fälle von der Koordinationsstelle für Missbrauchsbekämpfung untersuchen. So werden nur Leistungen ausbezahlt, wenn die Versicherungsdeckung stimmt und der Unfallhergang geklärt ist, erklärt Bolt. «Die Suva kann dafür bei anderen Sozialversicherern Akten einsehen. Sie kann weiter Strafregisterauszüge und Steuerunterlagen anfordern. Auch die medizinische oder einkommensmässige Situation von Rentenbezügern wird regelmässig überprüft.» Die Spezialisten der Suva würden jedem Hinweis auf mögliche Inkorrektheiten nachgehen.

Künftig will die Suva mit internen Datenanalysen Versicherungsbetrügern noch früher auf die Schliche kommen, wie das Unternehmen verkündet. Denn die Dunkelziffer sei hoch, heisst es. In rund 380 Fällen – 40% der von der Suva untersuchten Fälle – konnte im letzten Jahr Versicherungsmissbrauch nachgewiesen werden, bei rund 60% der Verdächtigungen konnte die versicherte Person vom Vorwurf befreit werden. «Unsere Aufgabe in der Missbrauchsbekämpfung ist es, Klarheit zu schaffen. Das kann für den Betroffenen auch positive Auswirkungen haben, da er selten nur bei einer Stelle verdächtigt wird», sagt Bolt. «Die grosse Mehrheit unserer Kunden bezieht die Leistungen zu Recht.» Aber einige wenige könnten einen Millionenschaden anrichten.

Im Kampf gegen Versicherungsbetrüger setzte die Suva während Jahren auch Detektive ein. Diese beobachteten verdächtigte Personen auch in ihrer Freizeit. Letzten Oktober stoppte die Suva den Einsatz von Detektiven per sofort, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) solche Über­wachungen als Verletzung der Privatsphäre bezeichnete. Die Begründung der Strassburger Richter: Es fehlt in der Schweiz die gesetzliche Grundlage für ein solches Vorgehen. Derzeit ist eine Gesetzesanpassung zum Einsatz von Detektiven in der Vernehmlassung. Bei der Suva hofft man, dass Bundesrat und Parlament die Überwachung durch Detektive erlauben werden.

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