Micarna-Insektenprodukte sind bei deutscher Supermarktkette gefragt – Migros hält sich aber noch zurück

Die Micarna kann ihre Insektenprodukte in den Detailhandel einspeisen. Vorerst aber nicht bei der Migros, sondern in Deutschland.

Thomas Griesser Kym
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Proteinreich, aber nicht jedermanns Sache: Salat mit Insekten an einem Street-Food-Festival.

Proteinreich, aber nicht jedermanns Sache: Salat mit Insekten an einem Street-Food-Festival.

Bild: Imago Images

Seit 1. Mai 2017 ist in der Schweiz der Verkauf von Lebensmitteln mit gewissen Insekten bundesrätlich erlaubt. Als erster auf den Zug aufgesprungen war Coop. Der Grossverteiler bot in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Start-up und Insektenverarbeiter Essento zunächst Insektenbällchen und -burger an sowie in der Folge je zwei Insektenriegel und Snackmischungen. Die Migros zog nach und brachte ab Oktober 2018 getrocknete Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken, importiert aus den Niederlanden, in die Regale von 180 grösseren Supermärkten. Zudem bietet die Migros-Klubschule den Kurs «Kochen mit Insekten» an.

Mit dabei ist auch die Micarna. Der Fleischverarbeitungsbetrieb der Migros mit Standorten in Bazenheid und im freiburgischen Courtepin suchte einen «Produktmanager Insekten» und fand diesen in der Person von Ralph Langholz. Dieser hat seit Frühling 2017 als Leiter alternativer Proteinquellen bei der Micarna mit seinem Team Burger und Bällchen entwickelt, die verarbeitete Mehlwürmer aus europäischen Zuchtbetrieben sowie Rüebli, Lauch oder Kichererbsen enthalten. Langholz hat seine Basis in Courtepin, hergestellt werden die Insektenprodukte in Sissach im Baselbiet.

«Ein Nischenmarkt mit Potenzial»

Dort betreibt die Micarna eine «Produktionsküche», wie Firmensprecherin Deborah Rutz sagt. «Es handelt sich nicht um eine grössflächige Produktionsanlage, wie man das beim Fleisch kennt.» Dies mit gutem Grund, denn: «Insektenprodukte sind nach wie vor ein Nischenmarkt», sagt Rutz, schiebt hingegen nach: «Aber aus Sicht der Micarna einer mit Potenzial.» Dies werde unterstrichen durch Rückmeldungen von Kunden an öffentlichen Degusta­tionen oder im Rahmen von Street-Food-Festivals. An solchen bringt die Micarna ihre Insektenprodukte in Kooperation mit Food-Truck-Unternehmen unters Volk. Rutz sagt:

«Die Konsumenten sind interessiert und neugierig.»

Im Detailhandel sind die Produkte der «Simply Bugs»-Linie der Micarna seit einem Jahr erhältlich, jedoch erst in drei Supermärkten der deutschen Hieber-Kette ennet der Grenze zu Basel.

Degustation an der Universität St.Gallen

Nun aber könnte das zarte Detailhandelsgeschäft an Schwung gewinnen. Denn seit diesem Monat sind die Micarna-Insektenprodukte in gut 100 Filialen der deutschen Supermarktkette Tegut zu kaufen. Tegut mit total 275 Läden ist seit sieben Jahren eine Tochter der Genossenschaft Migros Zürich und vor allem bekannt für frische und für Biolebensmittel.

Tegut renoviert und expandiert

Tegut, vor der Übernahme durch die Migros Zürich ein Sanierungsfall, hat vergangenes Jahr den Umsatz um 3,3 Prozent auf 1,07 Milliarden Euro erhöht. Dabei wurde der Anteil der Bioprodukte an den Verkäufen von 26 auf 28 Prozent ausgebaut. Zugenommen hätten auch die Flächenproduktivität (Umsatz pro Quadratmeter), die Kundenfrequenz, der durchschnittliche Einkaufsbetrag und der Verkauf regional angebauter Lebensmittel. 2019 hat Tegut sieben Filialen neu eröffnet und weitere sieben renoviert. Ende Jahr zählte die Kette 275 Supermärkte und will dieses Jahr die Expansion fortführen; bisher geplant seien zehn Neueröffnungen. Tegut hat 6800 Mitarbeitende. (T. G.)

In der Schweiz hat die Micarna ihre «Simply Bugs»-Produkte noch nicht in den Absatzkanal des Detailhandels eingespeist. Deborah Rutz bleibt vage: «Grundsätzlich gibt es aber auch seitens Migros-Genossenschaften erste Interessenten für eine mögliche Partnerschaft.» Und man müsse die Produkte auch «nicht per se im Supermarkt» anbieten. Als eine Alternative nennt Rutz Degustationen, so beispielsweise in der Mensa der Universität St.Gallen im Rahmen von deren Nachhaltigkeitswoche vom 2. bis 5. März.

Coop hält vorerst am aktuellen Sortiment fest

Betreiberin der Uni-Mensa ist die Genossenschaft Migros Ostschweiz. Für diese sagt deren Sprecher Andreas Bühler, die vor gut zwei Jahren eingeführten getrockneten Insekten seien in 15 bis 20 grösseren Läden auf dem Gebiet der Migros Ostschweiz erhältlich. «Sie stossen auf Nachfrage, aber auf einem eher tieferen, wenn auch konstanten Niveau.» Und: «Wir wollen damit weitere Erfahrungen sammeln.» Die Micarna-Produkte dagegen stünden «im Moment» nicht vor der Einspeisung in den Supermarktkanal. «Wir warten ab und beobachten die weitere Entwicklung.» Ähnlich äussert sich Annabel Ott, Sprecherin der Migros Zürich.

Wie sieht es bei Coop aus? Sprecherin Rebecca Veiga sagt, Insektenprodukte seien «in einer Nische zu Hause», und die Nachfrage sei «insgesamt stabil auf einem tiefen Niveau». Beim gegenwärtigen Coop-Sortiment mit einem halben Dutzend Produkten «wird es mittelfristig bleiben».

«Ein Knäckebrot mit Insekten»

Wie ist es zum Entscheid gekommen, dass nun Tegut die Micarna-Insektenprodukte anbietet? «Wir beobachten die Entwicklung der alternativen Ernährung sehr genau und räumen dem Thema daher eine immer grössere Bedeutung ein», sagt Tegut-Sprecher Matthias Pusch. Neben veganer und vegetarischer Ernährung gehe es auch um das Thema Protein, das «immer wichtiger wird». Ferner spielten Insekten «aufgrund des Nachhaltigkeitsgedankens eine immer grössere Rolle».

Tegut hat bereits einige Erfahrung gesammelt. Die Supermarktkette führt seit bald einem Jahr ein Insektensortiment. Dieses umfasst verschiedene Riegel von Sens Food sowie ganze Insekten und Pasta von Plumento. «Neue Produkte sind in Überlegung», sagt Pusch: «Ein Knäckebrot mit Insekten ist hier zum Beispiel aktuell eine Option.» Über Absatzziele sagt Pusch nichts. Man wolle «den Kunden eine Alternative mit hohem Proteingehalt anbieten».

Insektenprodukte haben «eine eigene Fanbasis»

Die Kunden seien «sehr neugierig» und hätten «das Angebot dankend angenommen». Inzwischen baue sich langsam «eine eigene Fanbasis» auf von Kunden, «die regelmässig zu den neuen Produkten greifen», sagt Pusch. Daran möchte man mit den Micarna-Bällchen und -burgern anknüpfen. Diese sind dem Vernehmen nach vergangenem Oktober an der weltgrössten Nahrungsmittelmesse Anuga in Köln beim Publikum ziemlich gut angekommen.

Im Rahmen des Joint Ventures Bühler Insect Technology Solutions setzt auch der Bühler-Konzern aus Uzwil in Kooperation mit dem niederländischen Zuchtbetrieb Protix auf Protein aus Insekten. Allerdings als Futtermittel für andere Tiere. Denn, so Bühler:

«36 mal mehr Menschen lassen sich auf der Grundlage von 100 Kilo Futtermittel mit Insekten ernähren als mit Vieh.»