«Messer in den Rücken gerammt»

Im Strafprozess gegen den früheren UBS-Investmentbanker Kweku Adoboli wirft dessen Verteidigung der Grossbank vor, sie unterhalte weiterhin geheime Konten.

Sebastian Borger
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LONDON. Das Kreuzverhör hat gestern gerade mal 15 Minuten gedauert, da wird es dem Zeugen schon zu heiss. «Kann ich bitte meine Jacke ausziehen?», fragt John Hughes Richter Brian Keith und reisst sich im selben Moment schon das Jackett vom Leib. Dann krempelt der junge Mann die Ärmel hoch: «Jetzt bin ich bereit.» Gelächter im Saal 3 des Schwurgerichts von London-Southwark, wo seit drei Wochen gegen den ehemaligen UBS-Händler Kweku Adoboli verhandelt wird. «Das klingt beinahe wie <Gladiators>», erwidert Adobolis Verteidiger Charles Sherrard in Anspielung auf eine populäre britische TV-Serie und lächelt süffisant.

Nicht glamourös, ziemlich faul

Wie bei den meisten Gladiatoren-Kämpfen im alten Rom treffen auch bei diesem Schlagabtausch ungleiche Gegner aufeinander: hier der dickliche, kühle, stets beherrschte Kronanwalt, dort ein früherer Investmentbanker, 30, der mit lustigen Bemerkungen die Geschworenen zu beeindrucken versucht. Sein Job bei UBS sei gar nicht sonderlich glamourös gewesen, erzählt Hughes, Adobolis früherer Arbeitskollege bei UBS. «Der Markt kann nur steigen oder fallen, aber nicht zur Seite springen.» Er selber sei ziemlich faul, seine Entlassung «völlig verdient» gewesen, sagt Hughes über sich auch noch.

«Weil ich blöd bin»

Tatsächlich war Hughes der UBS 2010 umgerechnet mehr als jene 550 000 Fr. wert, die Adoboli am gleichen Delta One Desk verdiente. Hughes' Einkünfte lagen über jenen seines Kollegen. Er habe von Adobolis schwarzen Konten, dem «Schirm», gewusst, dies aber seinen Vorgesetzten nicht gemeldet, räumt Hughes ein. Warum? «Weil ich blöd bin.» Ganz anders Adobolis Verteidiger Sherrard: «Sie wussten nicht nur davon, Sie haben den Schirm benutzt und kontrolliert.»

Mit seinen unautorisierten Spekulationen hatte Adoboli (32) vor Jahresfrist 2,25 Mrd. $ verloren, weshalb ihm die Anklage zweifachen Betrug und zwei Fälle von vorsätzlicher Bilanzfälschung vorwirft. Laut Anklage stand der von Kollegen und Vorgesetzten als beliebt und kompetent eingeschätzte Händler «kurz davor, die Existenz der Bank zu riskieren».

Geheime Konten bis heute?

Die Strategie der Verteidigung wird immer deutlicher: Obwohl ihr Mandant zunächst ein Geständnis abgelegt hatte, versuchen die Anwälte Adoblis, dessen Arbeitskollegen und der UBS als seiner Arbeitgeberin eine Mitschuld zuzuschieben. Als Viererteam am Desk für Exchange Traded Funds (ETF) seien Handelsentscheide gemeinsam getroffen worden, hält Sherrard dem Zeugen Hughes vor. «Das war weit entfernt von einer Straftat.» Erst als Adobolis Milliardenschaden aufflog, hätten die drei anderen ihm «das Messer in den Rücken gerammt», um ihre Jobs zu retten. Vor allem aber habe Adoboli die Fertigkeit, riskante Deals in geheimen Konten zu verstecken, bei UBS gelernt, sagt Sherrard: «Dort werden vergleichbare Vorgehensweisen bis heute benutzt.»

Ein UBS-Sprecher lehnt eine Stellungnahme dazu ab: «Wir sind nicht Teil dieses Verfahrens.»