«Mehr Serviceleistungen für die Kunden»

Der Verkauf von Kuonis Europageschäft an Rewe ist laut Professor Urs Wagenseil eine gute Lösung. Der Leiter des Kompetenzzentrums Tourismus am Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern erwartet nicht in erster Linie tiefere Preise für die Reisekunden, aber mehr und noch bessere Serviceleistungen.

Thomas Griesser Kym
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Urs Wagenseil Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern (Bild: pd)

Urs Wagenseil Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern (Bild: pd)

Herr Wagenseil, wie beurteilen Sie den Verkauf von Kuonis europäischem Reiseveranstaltergeschäft an Rewe?

Urs Wagenseil: Auf den ersten Blick ist das eine gute Lösung aus Sicht der Belegschaft und des Filialnetzes. Das Geschäft wird weder in Einzelmarken zerschlagen noch wird das Filialnetz auf ein paar wenige Trouvaillen gestutzt.

Was spricht dafür, dass Rewe mit diesem Geschäft mehr Erfolg hat als Kuoni?

Wagenseil: Kuoni hatte zwei strategische Optionen: Rückzug oder massiver Ausbau dieses Geschäfts. Letzteres haben sie über 20 Jahre versucht, ohne aber die kritische Grösse zu erreichen. Rewe kann mit der Kraft aus Deutschland im Rücken seine Eigenmarken und sein Filialnetz nun erweitern. Für Rewe ist die Schweiz von der Grösse her wie ein weiteres Bundesland. Kuoni bringt die Kompetenz und das Know-how seiner Belegschaft, ein qualitativ gutes Portfolio und viele Stammkunden mit, und das in einem kaufkräftigen Markt.

Rewe übernimmt alle 2350 Angestellten, darunter die 1000 von Kuoni Schweiz.

Wie sicher sind die Arbeitsplätze?

Wagenseil: Nach einer Anlaufphase wird man wohl Optimierungen angehen und Doppelspurigkeiten beseitigen. Insofern würde es nicht überraschen, wenn nach ein bis zwei Jahren da und dort auch Stellen gestrichen werden.

Ist aus Wettbewerbsüberlegungen Rewe

der bessere Käufer als der grosse Schweizer Kuoni-Rivale Hotelplan, weil so mehr Konkurrenz erhalten bleibt?

Wagenseil: Eine Schweizer Lösung wäre sympathisch gewesen. Aber für den Schweizer Markt und die Konsumenten ist es auch so sicher keine schlechte Lösung. Der Wettbewerb im Reisemarkt wird weiter spielen. Allerdings: Mit den heutigen Online-Buchungsmöglichkeiten ist der Markt sowieso schon global.

Werden Badeferien günstiger und besser?

Wagenseil: Günstiger nicht unbedingt. Rewe kann zwar profitieren dank grösserer Einkaufsvolumen und erweiterter Distributionskanäle. Aber dass sie die höheren Margen an die Konsumenten weitergeben, ist fraglich, denn Rewe dürfte interessiert sein an der Schweizer Kaufkraft. Ich erwarte aber einen Ausbau des Serviceangebots. Für die Kuoni-Kunden kann das dank Rewe beispielsweise mehr Abflüge, bessere Verbindungen, mehr Betreuung vor Ort oder ein grösseres Hotelangebot bedeuten.

Rewe kennt dank des Joint Ventures

ITS Coop Travel mit dem Grossverteiler Coop den Schweizer Markt seit bald zehn Jahren. Ein Vorteil?

Wagenseil: Die Marktkenntnisse und -erfahrung sind nützlich. Rewe kennt die Distributionskanäle, weiss, was den Schweizer Kunden wichtig ist. Insofern ist es kein Sprung ins kalte Wasser.

Rewe darf die Marke Kuoni weiter nutzen. Ein kluger Schachzug?

Wagenseil: Für die Kundenbindung ist das eine gute Sache. Aber es ist wichtig, dass Kuoni drin bleibt, wo Kuoni drauf steht. Neben der Marke Kuoni müssen auch die Kuoni-Werte mit den klassischen Leistungen, der Qualität der Angebote und der Beratung, den Reisebüros usw. erhalten bleiben.

Kuoni konzentriert sich künftig auf Dienstleistungen für die globale Reiseindustrie und für Regierungen. Wie beurteilen Sie

die Chancen?

Wagenseil: Kuoni hat dieses Geschäft erfolgreicher entwickelt als jenes des Reiseveranstalters. Kurz- und mittelfristig sind die Aussichten gut. Aber auch der Markt für diese Dienstleistungen verändert sich. So ist zum Beispiel gerade bei der Ausstellung von Visa viel Dynamik drin. Damit muss Kuoni leben können.