Mehr als schamlose Saläre bei CS-Chefs

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Seit 2007 sind börsennotierte Firmen in der Schweiz verpflichtet, neben den Einkommen der Verwaltungsräte auch die der Geschäftsführung in der Summe und die des Höchstverdienenden offenzulegen. Durch die Transparenz wollte man eine Dämpfung der Lohnanstiege erreichen, herausgekommen ist das Gegenteil. Erfahrungen in verschiedenen Ländern wie der Schweiz, England und den USA zeigen, dass nach der Einführung einer gesetzlichen Pflicht zur Veröffentlichung der höchsten Löhne in börsennotierten Unternehmen die Lohnspirale angefacht statt, wie erhofft, gedämpft wurde. Ein besseres Verständnis sozialer Vergleichsprozesse zwischen Menschen hätte diese Hoffnung von Anfang an als Wunschtraum entlarvt.

Menschen sind als soziale Wesen grundsätzlich auf andere Menschen bezogen. Auch in Unternehmen sind soziale Vergleichsprozesse wesentlich. Der Mensch ist relativ bezogen: Er vergleicht sich mit Menschen in seiner Umgebung, welche einen vergleichbaren beruflichen und sozialen Hintergrund haben. Der englische Philosoph Bertrand Russell hat dies auf den Punkt gebracht: «Bettler beneiden keine Millionäre, sondern andere Bettler, die mehr verdienen als sie selbst.» Neid und Missgunst sind eine menschliche Realität.

Weil wir am Arbeitsplatz die meiste Lebenszeit verbringen und in aller Regel von Personen aus unserer Bezugsgruppe umgeben sind, findet sich hier eine reiche Spielwiese für soziale Vergleiche. Studien zeigen, dass die absolute Höhe des Einkommens für das Glücksempfinden beispielsweise weniger relevant ist als das Einkommen im Vergleich zu den Kollegen. Ist einmal ein Mindestniveau überschritten, zählt das relative Einkommen mehr als das absolute. Die Forschung macht deutlich, dass sich Menschen im relativen Vergleich immer an den obersten Positionen orientieren. Wenn jemand in einer Vergleichsgruppe von zehn Personen an dritter Stelle liegt, wird die Unzufriedenheit über die besseren Plätze grösser sein als die Zufriedenheit, die Mehrheit hinter sich gelassen zu haben.

Gerade bei konkurrenzorientierten Alphatieren spielt es eine besonders grosse Rolle, besser dazustehen als vergleichbare Wettbewerber. Grund ist der Statuswettbewerb, der bei den hohen Einkommen der internationalen Topmanager eine extreme Form angenommen hat. Lohntransparenz ermöglicht den permanenten Lohnvergleich und facht nur den Lohnwettbewerb an. Gleichzeitig senkt er die Zufriedenheit. Es muss also permanent nachgelegt werden, um das Niveau zu halten.

Damit wird nachvollziehbar, wie Spitzenmanager hinsichtlich der eigenen Lohnentwicklung ticken. So erhielt CS-CEO Tidjane Thiam 2016 mit 11,2 Millionen Franken 24 Prozent mehr als 2015, CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner mit 3,8 Millionen Franken 25 Prozent mehr – und dies trotz einem Unternehmensverlust von 2,7 Milliarden Franken! Rohner mass in Interviews sein aktuelles Gehaltsniveau eben nicht am grossen Jahresverlust, sondern an den Banksalären, die vor der Finanzkrise 2008 ausbezahlt wurden. Dass die damaligen Manager jede Bodenhaftung verloren hatten und in ihrem selbstverliebten Grössenwahn die halbe Welt in den Abgrund stürzten, zählt für Rohner nicht. Fakt ist für ihn nur, dass er heute, trotz Lohnerhöhung, immer noch weniger verdient als seine Vorgänger vor zehn Jahren. Sein Bezugspunkt mag weit zurückliegen und aus heutiger Sicht irrational sein: Die Logik der für ihn relevanten Benchmark wird nur durch das Wissen um soziale Vergleichsprozesse erhellt.

Und die Chefs der SMIM-Unternehmen, der dreissig grössten Unternehmen mit mittelgrossem Börsenwert? Zwar sind ihre Firmen deutlich kleiner als jene 20 im SMI, dennoch ist der Vegleichsanker gesetzt: Die SMI-Bosse verdienten 2016 im Schnitt 7 Millionen Franken. Der Lohneifer der SMIM-Chefs hat sich durch den Gewinnrückgang von 8 Prozent nicht beeindrucken lassen. Die Gehalts­steigerung um 11 Prozent auf 4,1 Millionen Franken liess den Graben zu den Grossen geringer werden. Wetten, dass die CEO-Löhne der SMIM-Firmen in den kommenden Jahren, ziemlich unabhängig von der Gewinnentwicklung, nur einen Weg kennen: den nach oben.