Mehr als nur Kosmetik: Teilrettung für Betrieb der Urnäscher Intracosmed absehbar – steigt Dölf Früh wieder ein?

Eine Nachfolgegesellschaft für die Urnäscher Kosmetikfirma Intracosmed AG könnte deren Leidensgeschichte vergessen machen. Vorgesehen ist eine Weiterführung des Betriebs mit rund 30 Angestellten. Derweil kommt Licht ins Dunkel, wie und warum die Intracosmed pleite gegangen ist.

Thomas Griesser Kym
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Rückblickend hat sich die Intracosmed-Pleite über Jahre aufgebaut. Nun geht der Blick in die Zukunft mit einer Nachfolgefirma. (Bild: Getty)

Rückblickend hat sich die Intracosmed-Pleite über Jahre aufgebaut. Nun geht der Blick in die Zukunft mit einer Nachfolgefirma. (Bild: Getty)

Claudius Platzer zeigt sich «zu über 100 Prozent zuversichtlich, dass es klappt». Der Leiter des Konkursamts Appenzell Ausserrhoden hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Folgen des Konkurses der Intracosmed mit 78 Mitarbeitenden abzufedern. Nun zeichnet sich eine Lösung ab. Platzer sagt:

«Auf meinem Tisch liegen drei faire und realistische Angebote von Investoren.»

Alle wollen am Intracosmed-Standort einen Kosmetikbetrieb weiterführen. Demnach ist vorgesehen, dass die Nachfolgegesellschaft im Oktober beginnt und auf rund 30 Intracosmed-Beschäftigte zurückgreift. «Diese Leute braucht es, denn sie haben das Know-how und sind mit den Anlagen und Prozessen vertraut», sagt Platzer.

Laut dem Konkursamtleiter sind die drei Angebote in etwa gleichwertig. Spätestens nächste Woche werde er das finanziell höchste Angebot den Intracosmed-Gläubigern vorlegen. Sie müssen dem Verkauf von Anlagen, Inventar usw. an den neuen Investor ebenso zustimmen wie der Vermieter des Gebäudes den Mietvertrag mit der Nachfolgegesellschaft abschliessen muss. Nur dann kann ein Betrieb weitergeführt werden.

Industrielle Investoren, auch aus der Ostschweiz

Platzer sagt, eine Nachfolgegesellschaft wäre für alle Beteiligten das Beste. Die Interessenten mit niedrigeren Angeboten als der Höchstbieter haben nach Vorlage von dessen Offerte an die Gläubiger zehn Tage Zeit, ihre Angebote finanziell nachzubessern. Das heisst: Im Idealfall aus Sicht der Gläubiger schaukeln sich die Bieter noch etwas hoch. Über Details darf Platzer noch nicht sprechen. Nur so viel: Es seien alles industrielle Investoren, zwei aus dem Raum Ostschweiz und Zürcher Oberland und einer aus der Innerschweiz. Zwei Investoren seien zudem in der Kosmetikbranche zu Hause. Wer den Zuschlag erhält, wird publik, sobald der Vertrag unterzeichnet ist.

Bei der Intracosmed selber wird reduziert weitergearbeitet, um Kunden und Mitarbeitende bei der Stange zu halten. Ob sich der ehemalige Intracosmed-Mehrheitseigentümer Dölf Früh und die beiden Co-Geschäftsleiter Sophie Geiger und Ferruccio Vanin in einer Nachfolgegesellschaft engagieren, ist offen und hängt auch ab vom neuen Investor. Dölf Früh:

«Falls ein industrieller Investor mich um eine finanzielle Beteiligung anfragt, schaue ich mir das an und werde es mir überlegen.»

Bei wenigstens einem der Interessenten könnte dies der Fall sein. Und auch Geiger und Vanin signalisieren Bereitschaft zur Mitarbeit, falls ein neuer Eigentümer dies wünsche und die Rahmenbedingungen stimmten. «Wir haben ein motiviertes Team und gewisse Alleinstellungsmerkmale», sagt Geiger. «Wir verfügen über ein über Jahre gewachsenes Know-how für die Entwicklung und Produktion von Premium-Kosmetikprodukten.»

Ex-Mehrheitseigentümer der Firma: Dölf Früh. (Bild: Freshfocus

Ex-Mehrheitseigentümer der Firma: Dölf Früh. (Bild: Freshfocus

Immer grössere Lasten aufgetürmt

Die Intracosmed hat pickelharte Jahre hart am Abgrund hinter sich. Das wird in einem Gespräch mit Früh, Geiger, Vanin und Verwaltungsratspräsident Thomas Stadelmann klar. Und es beantwortet Fragen, wie es kommen konnte, dass die Intracosmed diesen Juli nach einer längeren Sanierungsphase innert sieben Monaten in Konkurs gegangen ist.

Ein Einstiegspunkt in die Firmenchronik ist Frühsommer 2017. Damals übernahm Dölf Früh die Mehrheit der Intracosmed, nachdem der damalige Mehrheitsaktionär Thomas Früh, der nicht mit ihm verwandt ist, nach langer und vergeblicher Suche nach Geldgebern an ihn herangetreten war. Thomas Früh suchte dringend einen Retter für sein Familienunternehmen, denn, wie Dölf Früh sagt:

«Die Intracosmed war ein Sanierungsfall, ohne Investitionen wäre sie schon damals pleite gegangen.»

Zuvor hatten sich über viele Jahre immer grössere Lasten aufgetürmt, die schliesslich dem Unternehmen die Luft zum Atmen nahmen.

Fehlentscheid mit Eigen- und Lizenzmarken

Dölf Früh stieg ein und handelte. Dazu schoss er laut seinen Worten zur Stärkung der Kapitalbasis und als ungesicherte Darlehen beträchtliche Summen ein – Dölf Früh spricht von «vielen Millionen Franken» – und befreite die Firma von «toxischen Lasten». Traditionell war die Intracosmed in der Lohnherstellung von Kosmetikprodukten für Dritte und als Full-Service-Dienstleisterin tätig. Seit 2016 versuchte sich die Firma auch im Geschäft mit Eigenmarken und Lizenzmarken, doch blieben in diesem dritten Segment die erhofften Erfolge aus. Allein 2018 sei ein Fehlbetrag «in mittlerer einstelliger Millionenhöhe» angefallen. Zudem wurde im Laufe der Zeit ein grosses Warenlager angehäuft.

Am Intracosmed-Standort in Urnäsch zeichnet sich eine Nachfolgegesellschaft ab. (Bild: Ralph Ribi, 23. Juli 2019)

Am Intracosmed-Standort in Urnäsch zeichnet sich eine Nachfolgegesellschaft ab. (Bild: Ralph Ribi, 23. Juli 2019)

Im Zuge der Sanierung wurde das verlustreiche Geschäft mit den Eigen- und Lizenzmarken vergangenes Jahr eingestellt, und der Intracosmed-Verwaltungsrat konnte das schwer verkäufliche Warenlager an Dölf Früh veräussern, was der Firma Liquidität zuführte. Nach ihrer Entrümpelung wurde die Intracosmed wieder auf Lohnherstellung und Full-Service-Dienstleistungen konzentriert. Zudem erstellte die damalige operative Führung um CEO Oliver Fahr einen Budgetplan für 2019 und 2020, der den Weiterbestand der Intracosmed prognostizierte. Fahr hatte die operative Verantwortung 2017 von Thomas Früh übernommen, der sich anschliessend als Verwaltungsrat auf «strategische Geschäftsentwicklungen» konzentrierte.

Ferruccio Vanin, Co-Geschäftsführer von Intracosmed. (Bild: Urs Bucher)

Ferruccio Vanin, Co-Geschäftsführer von Intracosmed. (Bild: Urs Bucher)

Überlebensfähigkeit als Utopie

Befreit von Altlasten und ausgestattet mit dem neuen Budgetplan verkaufte Dölf Früh die Intracosmed Anfang dieses Jahres an Geiger und Vanin, welche die operative Leitung übernahmen, und an Stadelmann als Verwaltungsratspräsident. Begleitet von einem optimistischen Blick in die Zukunft wurde als Kaufpreis lediglich ein Franken genannt. Heute sagt Dölf Früh, dieser symbolische Preis sei ein Hinweis darauf gewesen, dass die Intracosmed «trotz der ersten Sanierungsrunde noch auf wackligen Beinen stand». Dölf Früh:

«Die Liquiditätslage war sehr dünn, doch das Unternehmen schien überlebensfähig.»

Und Vanin ergänzt: «Die Firma versprach keine hohe Rendite, und wir gingen ein Risiko ein, aber eines, das wir für vertretbar hielten.»

Doch es kam anders: Obwohl der neue Budgetplan eine Reduktion des Umsatzes von rund 20 Millionen Franken im Jahr 2018 auf 15 Millionen für 2019 vorsah, wurde rasch klar, dass diese Marke ausser Reichweite war. Laut Stadelmann schraubte ein Grosskunde bereits zu Beginn des Jahres überraschend seine Bestellungen drastisch zurück, worauf der Intracosmed im ersten Quartal «substanzielle Volumen» gefehlt hätten.

Als Grund für den Entscheid dieses Kunden nennt Stadelmann eine im Jahr 2018 «geänderte Preisstrategie. Wir hatten festgestellt, dass bei einigen Produkten seit einigen Jahren die Preise nicht gestimmt hatten.» Im Klartext: Die Intracosmed erhöhte deshalb Preise. Viele Kunden hätten Aufschläge von 15 bis 20 Prozent akzeptiert. Anders der Grosskunde: Dieser suchte und fand einen anderen Hersteller in der EU für gewisse Produkte, für die ihm das Siegel «Made in Switzerland» nicht so wichtig gewesen sei.

Massiv Geld verloren

Das Genick brach der Intracosmed schliesslich der Ausstieg eines anderen Grosskunden, der für ein Drittel des Firmenumsatzes stand. Am 4. Juli habe dieser Kunde mitgeteilt, er werde die Bestellungen vorerst für sechs Monate suspendieren. Laut der Intracosmed gab es unterschiedliche Auffassungen über die Kundenbetreuung. Am 23. Juli deponierte die Intracosmed die Bilanz, am 29. Juli wurde der Konkurs eröffnet.

Das Ende hatte sich abgezeichnet: Zuvor, am 2. Juli, nahm die Intracosmed einen Kapitalschnitt vor und erhöhte im Gegenzug das Aktienkapital im gleichen Ausmass durch die Ausgabe neuer Aktien, verbunden mit der Verrechnung offener Forderungen in Höhe von 4,18 Millionen Franken – Geld, das Dölf Früh noch zugute gehabt hätte und das er verloren hat. Rückblickend sagt er, 2017 habe er in die Intracosmed investiert, «weil es mir wichtig war, dass die Firma weiter existiert und die Arbeitsplätze im Appenzellerland erhalten werden können».