Markteuphorie verleitet Fed

Börsenspiegel

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Aus den inflationsgekoppelten US-Staatsanleihen lassen sich die Inflationserwartungen ableiten. Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sprangen diese sofort deutlich an. Inzwischen kühlen sich die Erwartungen allerdings wieder ab.

Wenn es so weitergeht, dann dürfte dieser als «Trumpflation» bekannt gewordene Effekt bald schon gänzlich verpuffen. Viele Beobachter scheinen Präsident Trump die Schuld dafür zu geben. Das ist einerseits verständlich, weil seine Versprechungen schliesslich immer noch auf sich warten lassen. Dennoch ist diese Zuweisung nicht hilfreich, weil sie von den marktrelevanten Entscheidungen ablenkt.

Für diese Entwicklung ist nicht das Weisse Haus, sondern die US-Notenbank Federal Reserve wesentlich verantwortlich. Im ursprünglichen Trumpflation-Szenario war nämlich die Erwartung enthalten, dass die Fed das kreierte zusätzliche Inflationspotenzial nicht gänzlich durch Gegenmassnahmen abwürgen würde. Fed-Chefin Janet Yellen und ihr Team haben sich jedoch von der kurzfristigen Markteuphorie zu einer zu straffen geldpolitischen Haltung verleiten lassen. Nachdem sie zuvor ein ganzes Jahr abwartete, zog sie seit der US-Wahl gleich zweimal die Zinsschraube höher und sie dürfte es im Juni mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut tun. Gleichzeitig begann sie von der Notwendigkeit einer Bilanznormali- sierung zu sprechen, was einer zusätzlichen geldpolitischen Straffung des Ausblicks gleichkommt.

Fed bisher flexibel genug für Kurskorrekturen

Wenn die geldpolitische Haltung einer Notenbank zu straff ist, dann sinken die Inflationserwartungen und damit implizit auch die Erwartungen für das Nominalwachstum der Gesamtwirtschaft. Sollte die Fed nicht gegensteuern, dann werden die Inflationserwartungen weiter sinken und das Risiko einer grösseren Börsenkorrektur wieder steigen. Glücklicherweise hat sich die Fed bisher als genug politisch flexibel erwiesen, um Kurskorrekturen vorzunehmen, bevor es zu spät ist. Spätestens nach ihrer nächsten geldpolitischen Sitzung Mitte Juni dürfte sie ihren Kurs zumindest verbal wieder entspannen.

Mikio Kumada, LGT