Manor-Schock: Meldungen von Massenentlassungen können trügen

Manor streicht fast 500 Stellen: Doch die Wirtschaft wird auch in normalen Zeiten bestimmt vom Auf- und Abbau von Arbeitsplätzen

Niklaus Vontobel
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Will sparen: Der Detailhändler Manor

Will sparen: Der Detailhändler Manor

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Beim Detailhändler Manor werden 476 Stellen gestrichten. Damit kommt ein illustrer Name hinzu zur bereits langen Liste bekannter Unternehmen, die in der Coronakrise eine Massenentlassung bekannt geben: Swissport und Gategroup, Lantal und Bucher (Siehe Tabelle). Wird mit dem Fall von Manor nun endgültig eine «Entlassungswelle» zur traurigen Realität?

Die Arbeitslosenzahlen sind bereits deutlich angestiegen, schneller als je zuvor. Im Juli waren 149000 Arbeitslose bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren eingeschrieben, rund 51000 Personen mehr als im Vorjahr – eine Zunahme um 52 Prozent.

Und doch liegt die Arbeitslosenquote noch bei vergleichsweise geringen 3,2 Prozent, im Detailhandel sind es 4,2 Prozent. Bereits häufen sich die Stimmen, wonach die düsteren Prognosen sich als zu pessimistisch erweisen werden.

Kurz: Der Arbeitsmarkt verschlechtert sich, aber ob es wirklich dramatisch wird – das ist noch offen. Die Meldungen von Massenentlassungen können trügen. Die Wirtschaft wird auch in normalen Zeiten bestimmt vom Aufbau und Abbau von Arbeitsplätzen, von einem Kommen und Gehen verschiedener Unternehmen.

Stellenabbau ist im Detailhandel kein Ausnahmezustand

So steckt der Detailhandel schon lange im Wandel. Die Treiber sind bekannt: Online-Handel, Frankenüberbewertung, Einkaufstourismus. Die Folgen sind deutlich ablesbar in den Statistiken. Der gesamte Detailhandel hatte letztes Jahr rund 5 Prozent weniger Umsatz als 2010.

Das Jahr markiert eine Zeitwende. In der vorhergehenden Dekade ging es blendend: ein Wachstum von 17 Prozent. Diese Wende von 2010 zeigt sich auch bei den Jobs. Umgerechnet in Vollzeitstellen gab es Ende 2019 rund 14000 weniger Arbeitsplätze als damals.

Stellenabbau im Detailhandel ist kein coronabedingter Ausnahmezustand, es gehört zur Normalität der letzten Dekade.

Selbst im Detailhandel ist nicht alles finster und unheilvoll

Anderswo in der Schweiz entstanden derweil zig Tausende von Stellen. Umgerechnet in Vollzeitjobs waren es rund 360000 Arbeitsplätze, ein Plus von rund 10 Prozent. Die Jobmotoren waren staatsnahe Branchen: Bildung und Gesundheitswesen. Dieser Trend ist umstritten, die politische Rechte befürchtet schleichende Verstaatlichung. Doch Jobwachstum gab es auch bei wissenschaftlichen oder technischen Services, in Information und Kommunikation – und etwas traditioneller: auf dem Bau und in Architekturbüros.

Selbst im Detailhandel ist nicht alles finster und unheilvoll. Die Grenzschliessungen zu Deutschland und Frankreich brachten einen unerwarteten Umsatzschub, vor allem bei den Nahrungsmitteln. Die Grossbank Credit Suisse schätzt, in den Lockdown-Wochen habe der Detailhandel ungefähr zwei Milliarden Franken mehr verdient.

Eine Konkurswelle blieb aus - könnte aber noch kommen

Danach erfreuten sich die sonst leidgeplagten Einkaufszentren eines Ansturms. Die Konsumenten mussten nachholen, was sie zuvor nicht kaufen konnten. Und der Einkaufstourismus hat den Höhepunkt wohl überschritten. 2016 wurden noch rund 13 Prozent mehr grüne Ausfuhrscheine von den Zollämtern erfasst als 2019.

Und Tatsache ist auch: eine Welle von Konkursen blieb bisher aus. Im Gegenteil: zwischen März und Juli gab es gar 21 Prozent weniger Konkurse als letztes Jahr, so die KOF Konjunkturforschungsstelle. Die Warnungen vor der Konkurswelle dürften geholfen haben, sie zu verhindern. Der Staat eilte zur Hilfe: mit Coronakrediten und einer Ausweitung der Kurzarbeit. Für eine Entwarnung ist es zu früh. Aus früheren Krisen weiss man: erst mit Verzögerung nehmen die Konkurse zu.