LUFTHANSA: Piloten fürchten um ihre Privilegien

Auch heute fallen wegen Streiks in Deutschland wieder Hunderte von Lufthansa-Flügen aus. Im Konflikt geht es den Piloten nur vordergründig um mehr Gehalt.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Parkierte Lufthansa-Flugzeuge am Flughafen in Frankfurt am Main. Die abermalige Streikrunde der Piloten läuft weiter. (Bild: Arne Dedert/EPA)

Parkierte Lufthansa-Flugzeuge am Flughafen in Frankfurt am Main. Die abermalige Streikrunde der Piloten läuft weiter. (Bild: Arne Dedert/EPA)

Christoph Reichmuth/Berlin

Heute bleiben zusätzlich zu den bereits gestern bestreikten Deutschland- und Europaflügen auch die Langstreckenjets der Lufthansa am Boden. Alleine heute fallen wegen des Streiks der Piloten 890 Verbindungen aus. Hochgerechnet mit den letzten Streiktagen gestern und in der vorigen Woche sind mehr als eine halbe Million Lufthansa-Passagiere vom Arbeitskampf der Lufthansa-Piloten betroffen. Flüge der Lufthansa-Töchter Eurowings und Germanwings sowie der Konzerngesellschaften Swiss, Austrian Airlines, Brussels und Air Dolomiti werden nicht bestreikt (siehe Text unten). Allerdings fallen wegen des Streiks auch Lufthansa-Verbindungen zwischen der Schweiz und Deutschland aus.

Der Streik kostet den Konzern schätzungsweise 10 Millionen Euro pro Tag, noch stärker zu Buche schlagen dürfte der Image-Verlust für Europas grösste Airline. Seit April 2014 haben die Piloten mehr als ein Dutzend Mal gestreikt. Der renommierte Luftfahrtexperte Cord Schellenberg rechnet gegenüber unserer Zeitung vor, dass beim Konzern in den letzten Jahren Streikkosten von 500 Millionen Euro aufgelaufen sind. «Das ist der Wert für zwei Grossraumflugzeuge.»

Bodenpersonal skeptisch gegenüber Pilotenstreik

Die abermalige Streikrunde der Piloten stösst bei Lufthansa-Kunden und selbst beim Bodenpersonal auf Unverständnis. Denn die Lufthansa-Piloten gelten mit ihren Einstiegs- und Spitzengehältern von 70 000 bis über 200 000 Euro als besonders privilegiert, ausserdem erfahren die Lufthansa-Piloten auch heute schon eine automatische Lohnsteigerung von etwa drei Prozent jährlich. Damit wird die angeeignete Erfahrung der Flugkapitäne honoriert und die Teuerung ausgeglichen.

Heute demonstrieren sowohl Piloten als auch Mitglieder des Bodenpersonals. Der Betriebsrat des Bodenpersonals demonstriert gegen die Arbeitsniederlegung der Piloten, die Streiks seien für den Konzern «zerstörerisch», heisst es. Die Durchsetzung von Partikularinteressen ginge auf Kosten aller anderer Kollegen. Im aktuellen, seit April 2014 dauernden Tarifkonflikt fordert die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VG) vom Lufthansa-Konzern unter anderem mehr Lohn für ihre Piloten. Die Gewerkschaft verlangt für ihre 5400 Piloten eine Gehaltssteigerung von 3,7 Prozent pro Jahr – einschliesslich Nachzahlungen für vier Jahre. Die Lufthansa bietet den Piloten eine Gehaltserhöhung von 0,7 Prozent über eine Laufzeit von sechs Jahren.

Die Streitparteien hätten sich vermutlich schon längst irgendwo in der Mitte gefunden, ginge es tatsächlich nur ums Geld. «Die Piloten wehren sich mit dem Streik auch gegen die neue unternehmerische Ausrichtung der Lufthansa», erklärt Luftfahrtexperte Schellenberg. Cockpit fürchtet um die guten Arbeitsbedingungen ihrer Piloten, die im Lufthansa-Konzerntarifvertrag (KTV) geregelt sind. Denn der Konzern stärkt mit Eurowings in Wien das Billigfluggeschäft. Eurowings-Piloten arbeiten nicht zu den KTV-Vorzugsbedingungen, zudem hat die Gewerkschaft Cockpit auf die Verhältnisse in Österreich keinen Einfluss.

«Aus dem Geschäft schiessen»

Die Vereinigung Cockpit will mit aller Kraft Teilbereiche des Konzerns in ihren Geltungsbereich verlagern, um künftig stärker Mitsprache über die künftige Ausrichtung des Konzerns zu haben. Doch weil die Piloten nicht gegen die Konzernstrategie streiken können, geht es bei der aktuellen Arbeitsniederlegung vordergründig um die Gehaltsdiskussion. Laut Schellenberg hat die Pilotenvereinigung ihre Forderung beim Gehalt derart in die Höhe geschraubt, dass eine zeitnahe Einigung unwahrscheinlich ist. «Die Fronten sind verhärtet.» Lufthansa könne eine solche Gehaltserhöhung für die Piloten nicht einfach durchwinken, um dem Streik ein Ende zu bereiten und der Pilotengewerkschaft das Argument für künftige Streikrunden zu entziehen. Die Gefahr sei zu gross, dass auch das Boden- und Kabinenpersonal satte Lohnerhöhungen einforderten, wenn die Piloten mit ihrer Strategie erfolgreich seien, sagt Cord Schellenberg.

In einer Mitteilung zeigte sich Lufthansa enttäuscht über den neuerlichen Streik. Schellenberg warnt die Piloten vor allzu langen und für die Kunden ärgerlichen Arbeitsniederlegungen. Die Streiks drohten den Lufthansa-Konzern auf lange Sicht zu schwächen, was auch zu Lasten der Piloten gehe. «Kommt es bei einer Airline öfters und unangekündigt zu Streiks und Flugausfällen, steigen auch langjährige Kunden auf andere Fluglinien um. Besser als mit Streiks kann man sich selbst nicht aus dem Geschäft schiessen.»