LOHN: Abstriche an Lohnforderungen

Die Gewerkschaften ziehen ein positiveres Fazit der Lohnrunde als vor einem Jahr. Dies wegen gesunkener Ansprüche.

Lorenzo Bonati/sda
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Die Reinigungsbranche erhöht die Mindestlöhne. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Die Reinigungsbranche erhöht die Mindestlöhne. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Es ist ein rhetorischer Balanceakt, wenn die Arbeitnehmervertreter Ende Jahr jeweils vor die Medien treten, um ihre Einschätzung zu den ausgehandelten Löhnen für das kommende Jahr abzugeben. Ganz zufrieden dürfen sich die Gewerkschafter nicht zeigen, schliesslich gilt es den Druck aufrecht zu halten. Aktuell sind in der Industrie noch viele Lohnverhandlungen im Gang oder beginnen erst Anfang Jahr. Auch im Baugewerbe laufen noch neun Lohnverhandlungen, darunter jene im Bauhauptgewerbe, wo die Arbeiter die letzten beiden Jahre leer ausgegangen waren. Eine allzu euphorische Zwischenbilanz der Gewerkschaften wäre da strategisch ungeschickt. Auf der anderen Seite soll die Kritik an der Lohnrunde nicht zu scharf ausfallen, sonst würde das eigene Verhandlungstalent hinterfragt.

Dieser Problematik ist sich Syna-Präsident Arno Kerst bewusst. «Die Gewerkschaften können nicht immer unzufrieden sein mit den Lohnabschlüssen», sagte er gestern. Die gesunkenen Ansprüche liessen ein halbwegs zufriedenstellendes Fazit für diesen Lohnherbst zu. Vergangenes Jahr, dem Jahr des Frankenschocks, hatten die Forderungen noch in Lohnerhöhungen von bis zu 1,5% bestanden. In diesem Jahr gaben sich die Gewerkschaften mit 1% zufrieden. Herausgekommen ist in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern damals wie heuer das gleiche – Lohnerhöhungen von 0,5% bis 1%.

Dennoch gibt es Unterschiede: Vergangenes Jahr waren Nullrunden noch deutlich stärker verbreitet als 2016. Und auch die Anhebung der Mindestlöhne in der schlecht bezahlten Reinigungsbranche können die Gewerkschaften als Erfolg verbuchen. Allerdings dürfte die Entwicklung der Teuerung einen Grossteil der Zugeständnisse der Arbeitgeber wieder zunichte machen: Während die Preise im laufenden Jahr um durchschnittlich 0,4% gesunken sind, dürften sie 2017 laut Prognosen wieder um 0,3% anziehen. Die Teuerung frisst die gewährten Lohnerhöhungen also praktisch wieder auf. Auch die ständig steigenden Krankenkassenprämien, die in der Teuerung nicht enthalten sind, schmälern die Kaufkraft der Angestellten.

Die grösste Gefahr orten die Gewerkschaften derzeit aber in der Politik: Die vom Ständerat angestrebte Lockerung der Arbeitszeiterfassung ist für sie ein rotes Tuch.

Lorenzo Bonati/SDA