LIQUIDATION: Die Swissair ist bald ganz Geschichte

Vor zehn Jahren sind im grössten Schweizer Wirtschaftsprozess um die Pleite der Swissair alle 19 Angeklagten freigesprochen worden. Liquidator Karl Wüthrich arbeitet noch im Dienste der Gläubiger.

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Mit dem Grounding der Swissair im Oktober 2001 ging viel kaputt: Ein Schweizer Mythos löste sich auf, Qualitäten wie Vertrauen und Zuverlässigkeit wurden ramponiert, Tausende Stellen und Milliardenbeträge gingen verloren. Rechtsanwalt und Liquidator Karl Wüthrich weiss, wie viel dieser Gelder die Gläubiger zurückverlangt haben: «Insgesamt haben wir Forderungen zwischen 15 und 20 Milliarden Franken anerkannt», sagt er im Gespräch. Wüthrich arbeitet seit dem Beginn des Insolvenzverfahrens daran, die Swissair-Gruppe und ihre Tochterfirmen zu liquidieren.

Die Entflechtung des Konglomerats und die Verkäufe von Firmen sind nach rund vierzehn Jahren weit fortgeschritten: «80 bis 90 Prozent der Aufgaben sind erledigt», schätzt Wüthrich. Er hoffe, die meisten noch hängigen Projekte in den nächsten zwei Jahren abschliessen zu können.

Gläubiger der dritten Klasse müssen bluten

Einen Grossteil ihres Geldes werden die Gläubiger dennoch nie sehen. Laut Schätzungen von Wüthrich erhalten die Gläubiger der Flightlease nur 11% ihrer Forderungen, jene der Swissair 17% bis 19% und jene der SAirGroup als ehemaliger Holding 19% bis 23%. Am besten sieht es bei der SAirlines aus, bei der etwa 39% der Forderungen erfüllt werden können. Immerhin können die Gläubiger mit Forderungen in der dritten Klasse (Obligationäre, Lieferanten, Banken, Geschäftspartner) laut Wüthrich im Laufe dieses Jahres mit einer weiteren Zahlung rechnen. Die Gläubiger mit Forderungen in den ersten beiden Klassen (Arbeitnehmende, Pensionskassen sowie Sozialversicherungen) sind bei allen vier Gesellschaften bereits vollumfänglich ausbezahlt worden.

Der Swissair-Prozess vor zehn Jahren war der grösste Wirtschaftsprozess, den es in der Schweiz je gegeben hat. Am 7. Juni 2007 sprach das Gericht alle 19 Angeklagten, davon 16 ehemalige Verwaltungsräte und drei weitere Beteiligte, von jeglicher strafbarer Handlung frei. Die Hauptanklagepunkte lauteten Gläubigerschädigung durch Vermögensminderung, ungetreue Geschäftsbesorgung, unwahre Angaben über kaufmännisches Gewerbe und Misswirtschaft. Für die Anklage hatten die Zürcher Staatsanwälte 130 Personen befragt, 20 Hausdurchsuchungen durchgeführt und Dokumente zusammengetragen, die 4150 Bundesordner füllen.

Besiegelt worden war das Schicksal der Swissair im Oktober 2001, als die Flugzeuge wegen fehlender Liquidität während zweier Tage am Boden bleiben mussten. Weltweit strandeten an einem einzigen Tag 38000 Swissair-Passagiere. Die Schweiz stand unter Schock, und für viele bleibt das Grounding ein trauriges Kapitel der Schweizer Geschichte. Die Swissair-Nachfolgerin Swiss ist seit 2005 eine Tochter der deutschen Lufthansa.

Cornelia Jost (SDA), Küsnacht