Lieber Roboter als Ausländer

Japan schottet sich gegen Fremde ab, obwohl Arbeitskräfte dringend gebraucht werden. Nur 1,7 Prozent der gesamten Bevölkerung sind Ausländer. 2015 wurden 27 Asylgesuche akzeptiert.

Angela Köhler/Tokio
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Homogene Gesellschaft: In Japan leben kaum Ausländer. (Bild: ap/Koji Sasahara)

Homogene Gesellschaft: In Japan leben kaum Ausländer. (Bild: ap/Koji Sasahara)

Unfreundlich wird Abu Said Shekh geweckt, zum Flugplatz gebracht und in ein Flugzeug mit Ziel Dhaka abgeführt. Neun Jahre hat der Mann aus Bangladesh in Japan gearbeitet. Neun Jahre lang hat er um politisches Asyl gebeten, weil er in seiner Heimat als Mitglied der Opposition verfolgt wird. Jetzt hat das japanische Justizministerium seinen Antrag definitiv abgelehnt. Zusammen mit 21 Landsleuten wurde Shekh per Charterflug abgeschoben. Mehrere Jahre hatte er beim Grosskonzern Fuji Heavy Industries gejobbt. Als Asylsuchender durfte er mit einem speziellen Visum Vollzeit arbeiten, solange sein Antrag lief. Wie viele andere Unternehmen suchte Fuji händeringend nach Arbeitskräften und bediente sich auf dem grauen Markt der geduldeten Ausländer.

Stolz auf homogene Abstammung

In Japan sind Ausländer, die Zuflucht suchen, generell wenig geduldet. Unter allen Industriestaaten nimmt die drittgrösste Wirtschaftsmacht der Welt die wenigsten Einwanderer auf. Nach der jüngsten Statistik der japanischen Regierung wurden im vergangenen Jahr nur 27 Flüchtlinge überhaupt akzeptiert. Dabei war die Anzahl der Asylsuchenden 2015 immerhin auf das Rekordhoch von 7586 gestiegen. Im Jahr zuvor «durften» nur 5000 einen entsprechenden Antrag stellen, akzeptiert wurden lediglich elf. Die abgelehnten Asylsuchenden werden seit 2013 zwangsweise mit Charterflügen deportiert. Nach Aussage des Tokioter Justizministeriums sei es billiger, sie in Gruppen abzuschieben. Ausserdem sicherer, weil keine Passagiere an Bord gestört würden.

Das fernöstliche Inselreich ist schon wegen seiner isolierten Lage abgeschottet. Diese geographische Besonderheit wird auch mental und politisch «gepflegt». Japans Bürger sind erklärtermassen stolz auf ihre homogene Abstammung. Gaijin – also Fremde – sind willkommen, wenn sie alle Voraussetzungen für ein ordentliches Visum erfüllen, ihre Rechnungen bezahlen und sich vor allem an die strengen Regeln der einheimischen Gesellschaft halten. Generell liegt der Anteil der Ausländer in Japan mit 1,7 Prozent international am untersten Rand. Oft sind es von Firmen entsandte Expats.

Ausnahme im Vietnam-Krieg

Für die Aufnahme von Flüchtlingen gibt es überhaupt keinen gesellschaftlichen Konsens. Eine kurze Ausnahme machte Japan lediglich im Vietnam-Krieg. Aus humanitären Gründen nahm Tokio zwischen 1978 und 2005 knapp 12 000 Menschen aus Vietnam und später aus Myanmar aus. Zu diesen Flüchtlingen, die in Japan ein neues Zuhause gefunden haben, gehört Hitoshi Kino, dem 1980 mit 32 Landsleuten eine lebensgefährliche Flucht aus Vietnam gelang. Als Bootsflüchtling erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung, wurde dann japanischer Staatsbürger, nahm einen japanischen Namen an und arbeitet heute als Büroangestellter an der Universität Tokio. Er und andere Boat-People setzen sich dafür ein, dass Japan diese bislang einmalige Politik der offenen Tür wiederholt und syrischen und anderen Menschen in Not Hilfe gewährt. «Japan sollte sich ein bisschen öffnen», sagt der Mann zurückhaltend.

Mehr humanitäre Hilfe will auch die kleine Japanische Vereinigung für Flüchtlinge. Der Kontrast zu anderen Industriestaaten sei extrem, sagt die Chefin Eri Ishikawa. «Japan steht als Land da, das zwar Geld für die Not in der Welt gibt, aber für Flüchtlinge geschlossen ist.» Zu den wenigen Prominenten, die eine Politik der Hilfe befürworten, gehört der reichste Mann Japans, Tadashi Yanai. Der Gründer der Textilhandelskette Uniqlo will immerhin 100 Flüchtlinge in Ausbildungsprogramme seiner Firma in Japan und im Ausland aufnehmen.

Schrumpfende Bevölkerung

Obwohl Japan aufgrund der alarmierend schnell alternden Gesellschaft eigentlich auf einen natürlichen Arbeitskräftemangel hinsteuert, wird Immigration als mögliche Lösung nicht in Erwägung gezogen. In der regierenden liberal-demokratischen Partei gibt es nur wenige Stimmen, die die restriktive Einreisepolitik lockern wollen. «Japans Bevölkerung schrumpft, deshalb sollten wir Immigranten akzeptieren», räumte Shigeru Ishida, Minister für Regionalförderung, auf Fragen ausländischer Journalisten vorsichtig ein. Damit steht er in der Regierung aber allein. Premier Shinzo Abe lehnt bisher alle Aufrufe auch aus der Industrie rigoros ab, kontrolliert ausgebildete Arbeitskräfte ins Land zu lassen. Er fürchtet wie die meisten seiner Landsleute, Ausländer würden soziale und wirtschaftliche Spannungen verursachen. Auf die Frage, ob Japan syrische Kriegsflüchtlinge aufnehmen werde, erklärte Abe im September auf der UNO-Vollversammlung, sein Land müsse erst die Bedingungen für die eigenen Staatsbürger verbessern, bevor man sich um Fremde kümmern könne.

Die absehbar grossen Lücken auf dem Arbeitsmarkt – bis 2030 wird die Anzahl der Arbeitskräfte um zwölf Prozent sinken – will Japan mit der verstärkten Integration von Frauen und älteren Menschen schliessen. Ein weiterer nationaler Plan ist der Einsatz von Robotern. Das Nomura-Forschungsinstitut hat errechnet, dass in 20 Jahren fast 50 Prozent aller Jobs von Robotern übernommen werden könnten. Diese Idee greift die Regierung begeistert auf: lieber Maschinen als Ausländer.

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