Liebäugeln mit Bankgeschäft

Teilen und sich vernetzen – und bald auch überweisen? Facebook könnte ins Bankgeschäft einsteigen. In Irland hat der Tech-Gigant eine Banklizenz beantragt. Dabei weiss das Unternehmen bereits einiges über den Lebensstil seiner Nutzer.

Adrian Lobe
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Ein Facebook-Mitarbeiter unterwegs im Hauptquartier des sozialen Netzwerks in Menlo Park, Kalifornien. (Bild: ap/Jeff Chiu)

Ein Facebook-Mitarbeiter unterwegs im Hauptquartier des sozialen Netzwerks in Menlo Park, Kalifornien. (Bild: ap/Jeff Chiu)

MENLO PARK. Facebook ist mit 1,4 Milliarden Mitgliedern das grösste soziale Netzwerk der Welt. Doch nicht nur das: Facebook ist Medienkonzern, Filmproduzent, Spieleentwickler. Und nun schickt sich der Konzern an, ins Bankgeschäft einzusteigen. Facebook hat vor kurzem ein Patent angemeldet, das es unter anderem Kreditgebern ermöglichen soll, das soziale Umfeld bei Facebook als Entscheidungsgrundlage für die Bewilligung eines Kredits zu nutzen. Wörtlich heisst es in dem Patent: «Wenn ein Individuum einen Kredit beantragt, prüft der Gläubiger die Kreditwürdigkeit derjenigen Mitglieder in sozialen Netzwerken, die mit dem Individuum vernetzt sind.»

Die Marktforschungsgesellschaft Forrester hat bereits 2008 prognostiziert, dass Finanzdienstleister langfristig Informationen aus dem Web und aus sozialen Netzwerken nutzen werden. «Dort, wo nationale Regulierer dies erlauben, nutzen einige Banken bereits diesen Ansatz oder planen dies zu tun», sagt Jost Hoppermann von Forrester. Facebook hat enormes Wissen über Präferenzen seiner Nutzer gesammelt, aus denen sich die Kreditwürdigkeit ableiten lässt. Und dieses Wissen will der Konzern kapitalisieren.

Schweigen zu Details

Im vergangenen Jahr hat Facebook bei der irischen Zentralbank eine Banklizenz beantragt. Mit der Lizenz könnte Facebook den elektronischen Zahlungsverkehr abwickeln. Die Anerkennung würde Facebook überdies erlauben, Geldeinheiten auszugeben, die eine Forderung gegenüber einem Unternehmen begründen. Ob die Lizenz erteilt wurde, darüber schweigt der Konzern. «Eine Facebook-Bank würde den gleichen Regulierungen unterworfen sein wie andere Banken auch», erklärt Hoppermann. Die Margen wären kaum höher. «Die Facebook-Bank müsste daher neue Geschäftsmodelle hinzufügen, über die man durchaus spekulieren kann.»

Seit Juli ermöglicht Facebook seinen Nutzern in den USA, sich über den Kurzmitteilungsdienst Messenger kostenlos Geld zu überweisen. Der Nutzer tippt dazu ein Dollarsymbol in der App oder Desktop-Anwendung an, gibt den Geldbetrag ein und bestätigt die Überweisung. Die Überweisungen werden mit Visa und Mastercard abgewickelt. Womöglich ist das der Grund, warum Facebook nach dem Bankenstatus strebt.

Big Data trifft auf Banking

Jim Stewart, Professor für Finanzwirtschaft am renommierten Trinity College Dublin, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: «Wenn Facebook in den Bankensektor einsteigt, ist es wahrscheinlich, dass sie nicht die gesamten Bankdienstleistungen abdecken werden, sondern nur ein paar Bereiche. Einer davon ist der Transfer von Geldvermögen von Individuum zu Individuum.» Durch solche Peer-to-Peer-Payments liessen sich die Transaktionskosten für internationale Überweisungen senken, die derzeit noch sehr teuer sind. Facebook könnte damit auch zur Konkurrenz für Geldversender wie Western Union werden.

Der Konzern aus Kalifornien will dabei weniger als Grossbank mit grossem Eigenkapitalpuffer agieren, sondern eher als dezentrale Plattform, auf der Zahlungsvorgänge abgewickelt werden. «Die Strategie, die Facebook verfolgt, ist im Wesentlichen, existierende Dienste zu monetarisieren», sagt Finanzexperte Stewart. «Der Eintritt ins Banking würde Big Data an Finanztransaktionen koppeln.» Facebooks Geschäftsmodell gründet auf Informationen. Laut der Beratungsfirma McKinsey gibt es 2,5 Milliarden Menschen weltweit, die kein Bankkonto haben. Die Volkswirtschaften in Schwellen- oder Dritte-Welt-Ländern sind cashbasiert. Dort wird bar bezahlt. Und diese Märkte hat Facebook im Visier. Es gibt keinen besseren Weg, neue Nutzer zu gewinnen, als ihnen eine App für ihr Einkommen anzubieten – zumal bargeldloses Bezahlen immer wichtiger wird.

Von Freunden und Vorlieben

Facebook könnte herausfinden, wofür Nutzer ihr Geld ausgeben, und noch mehr über sie erfahren. Nur weil jemand eine Marke mit «Gefällt mir» markiert, heisst das nicht, dass er auch Kunde ist. Wie viele der 11 Millionen Lamborghini-Fans können sich einen Sportwagen leisten? Facebook kann diese Frage nicht beantworten. Wenn Facebook aber Finanztransaktionen und soziale Interaktionen verknüpft, hätten Werbekunden nahezu vollständige Informationen ihres Publikums. Kaufverhalten, Einkommen, Ersparnisse – Facebook hätte das komplette Bild.

«Eine Facebook-Bank könnte Werbung auf den Finanzstatus der Kunden abstimmen – inner- und ausserhalb der Bank-Website», sagt Analyst Hoppermann. Für uns Kunden bedeutet das aber auch, dass wir umso mehr darauf achten müssen, welche Informationen wir über uns öffentlich machen und mit wem wir in Netzwerken «befreundet» sind. Sonst könnte Facebook oder eine Bank, die aufgrund von Social-Media-Daten die Bonität errechnet, einen Kredit verweigern, weil wir mit der «falschen» Person befreundet sind.