Lenken, nicht aufhalten

ST. GALLEN. Das Digitale entwickelt in der Arbeitswelt ungeahnte Kräfte, zeigte der Schweizer KMU-Tag. Autor und Blogger Sascha Lobo analysierte die Lage und lancierte einen eindringlichen Appell.

Thorsten Fischer
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«221mal pro Tag zieht der heutige Smartphone-Nutzer laut Statistik sein Gerät aus der Tasche.» Schon diese von Sascha Lobo genannte Zahl liess viele der 1200 Zuhörenden am Schweizer KMU-Tag aufhorchen. Dass neue Technologien daran sind, Leben und Arbeit umzukrempeln, ist zwar bekannt. Doch Sascha Lobo – Blogger, «Spiegel Online»-Kolumnist («Die Mensch-Maschine») und Strategieberater – machte klar, dass die Veränderungen wohl noch viel schneller und heftiger sein werden als angenommen.

Die Datenbegeisterung nehme – trotz Überwachungsskandal und Privatsphäre-Überlegungen – zu. Lobo geht davon aus, dass man nur den richtigen Grund zu nennen brauche und viele jedes Datum oder jede Information ins Netz stellten. «Die Datenbegeisterung breitet sich auf vielen Ebenen aus.»

Berufswelt unter Druck

Die Auswertung von Daten in sozialen Netzwerken stellt denn auch indirekt bereits andere Geschäftszweige in Frage. Etwa die Personal- und Human-Resources-Branche, wie Lobo verdeutlichte: Facebook schlägt laut einer Studie von Donald Kluemper herkömmliche Persönlichkeitstests, wenn es darum geht, den Erfolg eines Kandidaten im Job vorherzusagen. «In sozialen Datenströmen verbirgt sich unendlich viel mehr als wir glauben.»

Ein Prozess, denn der Berliner Blogger als «Plattform-Kapitalismus» beschreibt. «Die Wirtschaft wird zur Datenwirtschaft.» Auch der in Las Vegas vorgestellte, selbstfahrende Truck könnte massive Folgen für den Arbeitsmarkt haben. In vielen US-Bundesstaaten ist Truckfahrer der häufigste Beruf. Als «Dampfmaschine des Denkens» bezeichnete der 2014 verstorbene Journalist Frank Schirrmacher das Internet – mit den gleichen Umwälzungen in der geistigen Welt, die die Dampfmaschine einst in der physischen Welt hatte.

Von Fenstern aller Art

Wann Fenster digital werden, darauf lasse er sich nicht festlegen, sagte Lobo mit Blick auf seinen Vorredner, Beat Guhl von der Thurgauer Firma Sky-Frame. Guhl und sein Team hatten in der physischen Welt rechtzeitig einen Architektur-Trend erkannt – den fliessenden Raum, wo immer grössere Fenster das herkömmliche Mauerwerk ersetzen. Indes, eine Art virtuelle Scheibe gibt es bereits. Die Brille Hololens schiebt eine virtuelle Welt über den realen Alltag – mit digitalen Bedienelementen, die tatsächlich nutzbar sind. Und dann gibt es noch Radar-Chips (Projekt Soli Radar), die jede Bewegung im Raum erkennen und überall eingebaut werden könnte. Das mag laut Lobo zwar wie «ein feuchter Traum der NSA» tönen, werde zugleich aber die Welt zum Interface machen. Sprich: Alles um uns herum wird zur Schnittstelle.

Auch bei Sascha Lobo weckt diese Entwicklung nicht nur Interesse, sondern auch Angst. Gerade deshalb aber «haben wir alle eine Verantwortung, den Wandel mitzugestalten», appellierte er eindringlich – ganz im Sinne von: «Den Fortschritt nicht aufhalten, sondern lenken.»