LEBENSMITTEL: Hügli-Übernahme: Bell ergänzt Wurst und Fleisch mit Teigwaren und Fertiggerichten

Der Fleischverarbeiter Bell expandiert mehr und mehr in Segmente, die mit seinem Kerngeschäft weniger zu tun haben. Von Convenience-Produkten verspricht man sich mehr Wachstum und höhere Margen.
Thomas Griesser Kym
Ein Bell-Mitarbeiter prüft die Reife von Salami. Immer wichtiger als Fleisch- und Wurstwaren werden aber Convenience-Produkte. (Bild: PD)

Ein Bell-Mitarbeiter prüft die Reife von Salami. Immer wichtiger als Fleisch- und Wurstwaren werden aber Convenience-Produkte. (Bild: PD)

In seinem traditionellen Kerngeschäft steht Bell unter Druck. Der einstigen Schweizer Metzgereikette macht zu schaffen, dass der hiesige Markt für Fleisch- und Wurstwaren stagniert oder in einzelnen Segmenten gar leicht rückläufig ist. Dafür verantwortlich macht Bell Faktoren wie den Einkaufstourismus oder zunehmenden Konkurrenzkampf im Detailhandel. Auch eine Rolle spielen dürfte der Trend zu ausgewogenerer Ernährung, was für einen Teil der Konsumenten bedeutet: Weniger oder gar kein Fleisch mehr essen. Bell geht davon aus, dass der Schweizer Markt für Charcuterie 2017 umsatzmässig um 0,7 Prozent und jener für Frischfleisch um 2,1 Prozent geschrumpft ist. Auch die Absatzmengen seien gesunken.

Um sich dennoch behaupten zu können, hat das börsenkotierte Unternehmen, dessen Hauptaktionär Coop mit einem Anteil von 66,29 Prozent ist, zur Diversifikation gegriffen. So ist Bell mittlerweile einer der führenden Fleischverarbeiter Europas. Stark ist die Firma etwa in Deutschland, Spanien, Polen oder Ungarn, wo die Fleischmärkte noch wachsen. Das zeigt sich an den Segmentumsätzen im vergangenen Jahr: Während Bell Schweiz die Verkäufe um knapp 3 Prozent auf 1,96 Milliarden Franken steigerte, legte Bell Deutschland um 7 Prozent und Bell International um 16 Prozent zu.

Teigwaren, Schnittsalate, Fertiggerichte und Co.

In einem weiteren Schritt expandiert das Unternehmen in andere Produktkategorien. Dank der letztjährigen Übernahmen der Liechtensteiner Hilcona, der Eisberg-Gruppe sowie – via Hilcona – der Frostag Food-Centrum AG in Landquart bietet Bell heute auch frische und ultrafrische Convenience-Produkte an, beispielsweise Pasta, Pizze, Sandwiches, Salate – und sogar vegetarische Fertiggerichte. Alles Lebensmittel, denen ein höheres Wachstumspotenzial beigemessen wird als der Fleischverarbeitung. Insgesamt dürften die Verkäufe von Frische-Convenience-Produkten in der Schweiz 2017 um 4,3 Prozent gestiegen sein. Hilcona und Eisberg steigerten ihren kombinierten Umsatz um gut 7 Prozent auf 619 Millionen Franken. Dabei haben die beiden Unternehmen trotz höherer Rohmaterialpreise ihre Bruttomarge halten können – dank eines Fokus auf margenstärkere Sortimente.

Hügli steuert haltbare Convenience bei

Das Unternehmen zeigt sich entschlossen, das Geschäft mit Convenience, also Lebensmitteln, die sich schnell und bequem zubereiten und verzehren lassen, weiter auszubauen. Mitte Januar hat Bell die Übernahme der Steinacher Hügli-Gruppe angekündigt, die haltbare Convenience-Produkte herstellt wie Saucen, Suppen, Bouillons, Desserts und Fertiggerichte (siehe unten). Die Übernahme soll am kommenden Mittwoch vollzogen werden. In Österreich hat Bell nahe Linz mit dem Bau eines Werks für frische Convenience-Produkte begonnen. Parallel dazu investiert Bell auch in die Fleischverarbeitung mit Fokus auf Spezialitäten. So wird nahe Madrid ein neues Werk für Serrano-Schinken erstellt, und in der Extremadura hat man die Anlagen eines Betriebs übernommen, der Ibérico-Schinken und spanische Wurstwaren produziert. An den Schweizer Standorten zielen Investitionen auf höhere Effizienz und Produktivität ab.

Für das laufende Jahr zeigt sich Bell-Chef Lorenz Wyss trotz intensiven Wettbewerbs im europäischen Detailhandel recht zuversichtlich. So dürfte sich die Entspannung der Rohmaterialpreise, die im zweiten Semester 2017 eingesetzt hat, fortsetzen, was positiv ist für Bells Margen. Weniger positiv sind nachgebende Preise dagegen zum Beispiel für die Schweinemäster.

Hügli würzt Bell-Fleisch und dürfte Coop-Regale füllen

Ergänzung  Mit der bevorstehenden Übernahme der Hügli-Gruppe kauft sich Bell 384 Millionen Franken Umsatz (2017) hinzu, also fast 10 Prozent des aktuellen Volumens der Gruppe. Vorgesehen ist, dass Hügli zusammen mit Hilcona und Eisberg den neu geschaffenen Geschäftsbereich Convenience bildet. In diesem umsatz- und ertragsmässig attraktiven Geschäftsfeld peilt Bell weiteres Wachstum an.

Laut den Angaben soll Hügli als selbstständiges Unternehmen innerhalb der Bell Food Group weitergeführt werden. Die Sortimente und die Kunden der beiden Unternehmen ergänzen sich. Bell ist stark bei Fleisch, Hügli bei Trockenmischprodukten im Convenience-Markt. Bell ist stark im Detailhandel mit, in der Schweiz, Coop als Hauptabnehmer, Hügli bei Grossverbrauchern (professionelle Ausserhausverpflegung) und der Lebensmittelindustrie. Synergien sieht man beispielsweise im gemeinsamen Einkauf, was tiefere Preise ermöglichen kann. Nicht im Vordergrund stehen werde dagegen eine gemeinsame Entwicklung von Produkten, eben weil die Sortimente komplementär sind.

Bell gibt Hügli-Standort Steinach sehr gute Noten

Allerdings will Bell künftig «Hügli als Lieferant von Zutaten und Gewürzen für die Fleisch- und Convenience-Produkte deutlich stärker berücksichtigen». Ausserdem werden Möglichkeiten, Hügli-Produkte in den Absatzkanal der Coop-Läden einzuspeisen, «sicher geprüft werden, vor allem bei der Herstellung von Eigenmarken, bei der Hügli sehr stark ist».

Und was bedeutet Hüglis Einverleibung für den Ostschweizer Standort des Nahrungsmittelherstellers am Hauptsitz Steinach am Bodensee? «Der Hügli-Standort Steinach ist sehr gut aufgestellt und arbeitet sehr effizient», antwortet Bell. «Der Standort steht daher nicht zur Debatte.» (T. G.)

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