Leben mit einem starken Franken

Börsenspiegel

Thomas Stucki, Anlagechef St. Galler Kantonalbank
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Der Franken ist für die Schweiz Würde und Bürde zugleich. Seine Stärke und sein Status als sicherer Hafen sind ein Vertrauensbeweis in die politische und wirtschaftliche Stabilität der Schweiz. Auf der anderen Seite belasten die Aufwertungsschübe des Frankens die Schweizer Wirtschaft. Es trifft dabei nicht nur die Exportindustrie, sondern über die Konkurrenz des Einkaufens im Ausland auch inländisch orientierte Unternehmen.

Seit der Finanzkrise 2008 und vor allem der Eurokrise ist der Druck auf den Franken so gross geworden, dass die Nationalbank mit massiven Deviseninterventionen dagegenhalten muss. Dadurch sind ihre Fremdwährungsanlagen auf 710 Milliarden Franken angestiegen und ein Ende ist nicht in Sicht.

Mehr als bloss eine Ursache

Die Schuld für die Aufwertung des Frankens liegt jedoch nicht nur bei der Eurokrise und den Ausländern, die die Sicherheit der Schweizer Währung suchen. Es gibt auch wirtschaftliche Gründe dafür, dass der Franken immer teurer wird. Die Inflationsrate in der Schweiz ist üblicherweise tiefer als in den meisten anderen Ländern. Gegenüber der Eurozone beträgt der Unterschied im Mittel der letzten 20 Jahre 1,2 Prozent, gegenüber den USA 1,6 Prozent. Der geringere Anstieg der Preise, und damit vereinfacht betrachtet auch der Kosten, ist für die Schweizer Unternehmen ein Wettbewerbsvorteil. Dieser wird gemäss der ökonomischen Theorie über eine Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro und dem Dollar ausgeglichen. So gesehen ist eine durchschnittliche Aufwertung des Frankens von 1 bis 2 Prozent pro Jahr normal. Hinzu kommt, dass die Schweiz als erfolgreiches Exportland von Gütern und Dienstleistungen einen regelmässigen Leistungsbilanzüberschuss produziert. Im letzten Jahr betrug er 69 Milliarden Franken.

Ausgleich funktioniert nicht mehr

Ausgeglichen wird dieser Überschuss normalerweise durch Investitionen von Schweizer Firmen und Investoren im Ausland. Seit der Finanzkrise funktioniert dieser Ausgleich jedoch nicht mehr. Im Gegenteil: Die Rückführung von Anlagen aus dem Ausland in die Schweiz ist ein wichtiger Faktor für die Aufwertung des Frankens. Der Franken wird nicht schwächer werden, solange die Probleme in der Eurozone nicht gelöst sind oder die Schweiz politisch und wirtschaftlich nicht instabil wird. Das Erste ist nicht zu erwarten und das Zweite nicht zu hoffen. Die SNB wird also weiter den Franken stabilisieren und steuern müssen. Sie wird aber bereit sein, den Franken über die Zeit 1 bis 2 Prozent pro Jahr teurer werden zu lassen.

Thomas Stucki, Anlagechef St. Galler Kantonalbank