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Mit einem riesigen Anleihe-Rückkauf zu Dumpingpreisen soll die griechische Staatsschuld auf den Finanzmärkten halbiert werden. Auch die Europäische Zentralbank würde Verluste erleiden.

Ulrich Glauber
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Der Europäischen Zentralbank in Frankfurt könnten auf ihren Griechenland-Anleihen massive Verluste bevorstehen. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Der Europäischen Zentralbank in Frankfurt könnten auf ihren Griechenland-Anleihen massive Verluste bevorstehen. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Frankfurt. Der Tabubruch steht bevor: Unter dem Eindruck der drohenden Staatspleite Griechenlands und der Ansteckungsgefahr für andere Euro-Staaten planen deren Finanzpolitiker jetzt doch die Radikallösung eines Schuldenschnitts (vgl. Ausgabe von gestern). Um dem griechischen Haushalt wieder Luft zu verschaffen, soll Athen laut der «Financial Times Deutschland» auf dem Sekundärmarkt Staatsanleihen zum Dumpingpreis von durchschnittlich der Hälfte ihres Nominalwertes zurückkaufen.

Anleihen haben Wert verloren

Mit diesem Plan will man ausnutzen, dass die Marktpreise der Anleihen momentan deutlich unter ihrem Ausgabekurs liegen. Hat ein Investor für 100 € Griechenland-Anleihen gekauft, erhält er heute am Markt zum Beispiel nur 50 €. Kauft Griechenland die Anleihe für 50 € auf, sinkt sein Schuldenstand auf den internationalen Finanzmärkten um 100 €. Das Geld für das Aufkaufprogramm würde Athen vom Euro-Rettungsschirm EFSF erhalten.

Beteiligung des Privatsektors

Über die Differenz zwischen Ausgabekurs und Marktpreis wäre auch der private Finanzsektor an den Kosten für die Krisenbewältigung beteiligt. Das Konzept entspricht einem Vorschlag des internationalen Bankenverbandes IIF, dessen Vorsitzender Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist. Wenn nichts geschieht, könnte den privaten Gläubigern Griechenlands drohen, dass sie von den Wirtschaftsprüfern in naher Zukunft zu Abschreibungen auf den griechischen Anleihen in ihren Depots gezwungen werden.

«Der private Bankensektor steht bereit, seinen Teil beizutragen», heisst es im IIF-Papier. Griechenland könne davon profitieren, dass die Papiere am Markt derzeit je nach Laufzeit mit Abschlägen von 10% bis 50% gehandelt würden. Die griechischen Banken, die besonders viele Anleihen des eigenen Staates halten, würden allerdings besonders herb von Verlusten getroffen. Deshalb richtet sich die EFSF angeblich zusätzlich zum Aufkaufprogramm auf eine Stützung des griechischen Finanzsektors ein.

«Teilweiser Zahlungsausfall»

Die Politiker der Euro-Zone, die einen Schuldenschnitt bisher grossmehrheitlich wegen der Folgen für die Bonität Athens und die Stabilität des Euro abgelehnt haben, wollen jetzt gar eine Einstufung Griechenlands mit dem Rating «teilweiser Zahlungsausfall» in Kauf nehmen. Als undenkbar hatte bisher auch gegolten, dass die Finanzminister der Euro-Zone ihre Entscheide gegen den Widerstand der Europäischen Zentralbank (EZB) durchsetzen wollen. Diese hatte letztes Jahr massiv griechische Anleihen gekauft und müsste bei einer Umsetzung des neuen Konzepts ebenfalls herbe Verluste hinnehmen. EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann äussert zudem die Meinung, dass die Wirkung des Schuldenschnitts rasch verpuffe: «Das Geld des Rettungsschirms sollte nicht für den Ankauf von Staatsanleihen am Sekundärmarkt genutzt werden», sagt der Chef der Deutschen Bundesbank. «Das hätte hohe Kosten, geringen Nutzen und gefährliche Nebenwirkungen zur Folge.»

Tatsächlich ist nicht ausgemacht, ob die Senkung der Schuldenquote Griechenlands von gegenwärtig 160% der Wirtschaftsleistung das Misstrauen der Investoren gegenüber griechischen Anleihen auf Dauer beseitigt. Die Politik in der Euro-Zone bleibt aber unter hohem Handlungsdruck.