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LANDWIRTSCHAFT: Glaubenskrieg um Glyphosat

Die EU-Staaten können sich nicht entscheiden: Soll man das Pflanzengift Glyphosat verbieten oder nicht? Ein übereilter Ausstieg würde die Landwirtschaft vor Probleme stellen.
Remo Hess, Brüssel
In Brüssel gab es gestern Proteste gegen die Nutzung von Glyphosat. (Bild: Stephanie Lecoq/EPA)

In Brüssel gab es gestern Proteste gegen die Nutzung von Glyphosat. (Bild: Stephanie Lecoq/EPA)

Remo Hess, Brüssel

Nein, bei Glyphosat handelt es sich nicht um irgendeine synthetische Droge. Doch die Frage, ob der Unkrautvernichter nun verboten werden soll oder nicht, gleicht mittlerweile in vielen Belangen der Debatte zum rechten Umgang mit Rauschsubstanzen. Auf der einen Seite stehen die Abstinenzler, welche das Pflanzengift fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Auf der anderen Seite die mächtige Agrochemie, die um ihre Milliardenumsätze fürchtet. Dazwischen finden sich die Bauern, die durch den unaufhaltsam gestiegenen Einsatz des potenten Totalherbizids gewissermassen süchtig geworden sind.


Es zählen mittlerweile auch mehr Überzeugungen statt Fakten in der Beurteilung, ob das unter dem Markennamen Roundup vertriebene Mittel nun krebserregend ist oder nicht. Das rührt daher, dass es Studien gibt, die das eine behaupten und andere das Gegenteil. Der zuständige Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel der EU-Mitgliedstaaten konnte sich gestern denn auch nicht auf eine ­gemeinsame Position über eine Verlängerung der Zulassung für Glyphosat einigen. Die Vertreter fahren nun wieder in ihre Hauptstädte zurück, um neue Instruktionen zu erhalten.

Deutschland enthält sich

Die Diskussion ist vielerorts vergiftet. Grosse EU-Staaten wie Frankreich, Italien, aber auch kleinere wie Belgien, Griechenland und Österreich stellen sich gegen die 10-jährige Verlängerung. Deutschland enthielt sich der Entscheidung, weil es über eine lediglich geschäftsführende Regierung verfügt und in der Sache gespalten ist. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist dagegen, ­Agrarminister Christian Schmidt (CSU) dafür. Auch eine Reduktion der Zeitspanne der Bewilligung wurde diskutiert. Sieben Jahre oder fünf Jahre liegen auf dem Tisch. Das EU-Parlament empfahl am Dienstag als alternative ein kontrolliertes Auslaufen der Zulassung. Doch die Beamten im ständigen Ausschuss sind für solch hochpolitische Händel nicht befugt, es braucht die Abstimmung mit den Chefs zuhause in den Zentralen.

Dabei drängt die Zeit. Seit zweieinhalb Jahren streitet sich die EU über die Zukunft des Pflanzengifts. Kommen sie nicht bald zu einem Entschluss, läuft die Bewilligung am 15. Dezember einfach aus. Die EU-Kommission hätte zwar die Möglichkeit, ein Machtwort zu sprechen. Sie hat aber schon mehrmals zu verstehen gegeben, dass sie nicht den Part des Bösewichts übernehmen will. Glyphosat, das ist Sache der Mitgliedstaaten. Klar ist: Ein kalter Glyphosat-Entzug würde die Landwirtschaft vor ernsthafte Probleme stellen. Ein Ersatzprodukt gibt es nicht, und 18 Monate nach Auslaufen der Bewilligung dürften keine Glyphosat-haltigen Produkte mehr auf europäischen Feldern benutzt werden.

Von einem EU-weiten Verbot von Roundup wäre indirekt auch die Schweiz betroffen. Die hiesige Zulassungspraxis lehnt sich eng an jene der EU an, wie Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, auf Anfrage sagt. Jedoch: In der Schweiz wird Roundup wesentlich restriktiver eingesetzt. Das liegt nicht nur an der im Vergleich zur EU kleinteiligen Landwirtschaft, sondern vor allem an der Anwendungspraxis des Herbizids. Ritter: «In der Schweiz ist es verboten, Roundup direkt auf Nutzpflanzen und kurz vor der Ernte auszubringen.» In der ­industriellen Landwirtschaft in Europa werde der Einsatz dagegen grossflächiger und unbedarfter gehandhabt. Der Biobauer vermutet, dass eine strengere Anwendungspraxis von Glyphosat die Diskussion in der EU auch in eine andere Richtung hätte lenken können.

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