Krieg in der Ukraine
Vetropack-Chef zum Angriff auf Werk bei Kiew: «Es ist unvorstellbar, was unsere Angestellten erlebt haben»

Der russische Angriff auf ein Werk bei Kiew überschattet den Umsatzrekord. Die gute Nachricht: Alle Angestellten seien in Sicherheit, erklärte CEO Johann Reiter vor den Medien.

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Die Vetropack-Holding ist ein international tätiger Glasverpackungshersteller.

Die Vetropack-Holding ist ein international tätiger Glasverpackungshersteller.

Emanuel Ammon/Aura/ WIR

Die Coronakrise hatte der Glasverpackungshersteller Vetropack mit Sitz in Bülach ZH kaum gespürt. Das Geschäftsergebnis des letzten Jahres präsentiert sich dementsprechend erfreulich: Der Nettoerlös der Gruppe kletterte um 23,2 Prozent auf 816,5 Millionen Franken. Die im Dezember 2020 neu akquirierte Tochtergesellschaft in der Republik Moldau trug 6,9 Prozent zur Steigerung der Nettoerlöse bei. Treiber des Wachstums war vor allem der Konsum von Bier und Wein, der durch die Lockerungen der Massnahmen wieder möglich geworden war. Aus dem Rekordumsatz resultierte ein Gewinn von 63,8 Millionen Franken.

Trotzdem holen der Krieg in der Ukraine, die steigenden Preise und die bereits durch Covid strapazierten globalen Lieferketten die Gruppe mit fast 4000 Mitarbeitenden ein. Dies sei bereits im zweiten Halbjahr spürbar geworden, heisst es in einer Mitteilung: «Die kurzfristige und massive Erhöhung der Produktionskosten konnte im Berichtsjahr nur teilweise an den Markt weitergegeben werden.» Diese hat bereits die Marge nach unten gedrückt.

Auch wenn die Vetropack-Holding mit einer europaweit steigenden Nachfrage nach Glasbehältern rechnet, sind die Unwägbarkeiten derzeit gross: «Unabhängig von dieser positiven Entwicklung stiegen in den letzten Monaten die Kosten für Betriebsmittel wie Energie, Rohstoffe, Verpackung und Transport extrem an», schreibt die Firma. Mit der zunehmenden Inflation würden auch die Personalkosten zunehmen. «Aufgrund dieser Kostenentwicklungen wird auch die Vetropack-Gruppe im laufenden Jahr weitere Preisanpassungen durchführen müssen.»

Werk in Gostomel produziert 2022 nichts mehr

Unmittelbar betroffen ist Vetropack vom Krieg in der Ukraine. Die Produktion im Glaswerk in Gostomel in der Nähe von Kiew, wo 600 Personen gearbeitet hatten, kam deshalb zum Stillstand (CH Media berichtete). Nachdem das Werk von Russen beschossen worden war, sagte Finanzchef David Zak: «Die meisten Familien unserer Mitarbeitenden sind auf der Flucht. Die Männer dürfen das Land allerdings nicht verlassen.» Man helfe den Mitarbeitenden nun bei der Flucht in die Slowakei.

Notfallpläne für Werk in Moldawien

Gegenüber CH Media erläuterte CEO Johann Reiter die Situation vor Ort. «Die gute Nachricht ist, dass alle unsere Mitarbeitenden in Sicherheit sind und niemand zu Schaden gekommen ist.» Die meisten Angestellten seien mittlerweile in den Westen des Landes geflüchtet, man unterstütze sie so gut wie möglich, um ihre Sicherheit zu gewährleisten oder um ihnen auf der weiteren Flucht zu helfen. Auch die Löhne zahle man weiterhin, ergänzte Finanzchef David Zak. «Das ist wichtig, damit die Angestellten auf ihrer Weiterreise mit der Kreditkarte bezahlen können. Bargeld ist kaum mehr erhältlich.» Aktuell funktioniere das Finanzsystem in der Ukraine noch.

Das Vetropack-Werk in Gostomel wurde durch russischen Beschuss stark beschädigt. Zwar habe man schon vor Kriegsausbruch damit begonnen, das Werk herunterzufahren, so Reiter. Die Glasproduktion ist sehr energieintensiv und benötigt viel Erdgas und Strom. Damit die Anlagen keinen Schaden nehmen, müssen sie geplant abgeschaltet werden. Der russische Angriff vom 24. Februar kam diesen Arbeiten dazwischen. «Dann ging es erst einmal darum, die Leute in Sicherheit zu bringen», sagte Reiter.

Gemäss Informationen von Vetropack sind rund die Hälfte der Gebäude in Gostomel durch die Russen zerstört worden. «Es ist unvorstellbar, was unsere Mitarbeitenden erlebt haben», sagte Reiter. Bereits Notfallpläne erarbeitet die Firma für das Werk in Moldawien. Das Land grenzt an die Ukraine und könnte ebenfalls ins Visier von Putin geraten. «Wir bereiten alles vor, um das Werk im Notfall geplant herunterzufahren», so Reiter.

Für das Jahr 2022 rechnet Vetropack nicht mehr damit, dass im ukrainischen Werk noch Glasbehälter produziert werden können. Die direkten Auswirkungen seien zwar schwierig zu beziffern, die Gruppe rechnet aber dadurch 2022 mit einem Einbruch des Nettoumsatzes um rund 10 Prozent. «Die erwartete positive Entwicklung des Umsatzes wird somit durch das Ereignis in der Ukraine überlagert und das konsolidierte operative Ergebnis und der Reingewinn des Vorjahres sind nicht zu erreichen.»

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