KOPF DES TAGES: Der gescheiterte Zocker

Als Jon Corzine (64) die Führung bei der New Yorker Investmentfirma MF Global Holdings übernahm, kletterte der Aktienkurs in der darauffolgenden Woche um 15 Prozent. Die Wall Street erwartete, «Mr.

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Der gescheiterte Zocker

Als Jon Corzine (64) die Führung bei der New Yorker Investmentfirma MF Global Holdings übernahm, kletterte der Aktienkurs in der darauffolgenden Woche um 15 Prozent. Die Wall Street erwartete, «Mr. Risiko» werde bei dem ehrgeizigen Handelshaus ähnliche Wunder vollbringen wie damals an der Spitze von Goldman Sachs. Zwanzig Monate später ist Corzine zurückgetreten und steht vor einem Scherbenhaufen: Er ist verantwortlich für die grösste Pleite in der Finanzwelt seit dem Bankrott von Lehman Brothers 2008.

Das Geld ist unauffindbar

Der vollbärtige Starbanker hatte sich diesmal grandios verspekuliert. Er wettete auf wacklige Staatsanleihen aus Europa. Dies trug IMF Global innerhalb eines Quartals Verluste von 192 Millionen Dollar ein. Damit schrieb Corzine in vier von sechs Quartalen rote Zahlen. Der Versuch, einen Käufer für das Finanzhaus noch zu finden, scheiterte, als sich herausstellte, dass die Probleme bei MF Global weit über das Eingehen unverantwortlicher Risiken hinausgingen.

Neben verschiedenen Aufsichtsbehörden ermittelt nun auch die Bundespolizei FBI, was aus den Kundeneinlagen von rund 630 Millionen Dollar geworden ist. Die Buchhalter können das Geld nicht mehr finden. Vermutlich verschwand es in dem Investitionspool, aus dem MF Global seine hochriskanten Geschäfte finanzierte. Ein klarer Verstoss gegen das Trennungsgebot von Investorengeldern und Eigenmitteln der Investmentbank.

Der Bankrott markiert das Ende einer Karriere, die einer Achterbahnfahrt glich: Corzine stieg aus kleinen Verhältnissen einer Familienfarm in Taylorville im Bundesstaat Illinois in die höchsten Höhen der Wall Street auf. Nach seinem Anschluss an der renommierten Business-School der University of Chicago arbeitete er zunächst bei kleineren Regionalbanken. 1975 erhielt er einen Job bei Goldman Sachs. Dort machte sich der Jungbanker schnell einen Namen als jemand, der Nerven wie ein Drahtseil hat.

Corzine ging Risiken ein, die Goldman Sachs viel Geld und ihm später den Chefposten einbrachten. In dieser Rolle trieb er den Börsengang voran. Bevor er die Investmentbank 1999 verliess, strich er 400 Millionen Dollar aus der erfolgreichen Erstmission ein. Geld, das ihm die Grundlage für seine politische Karriere lieferte.

Auch in der Politik ausgeträumt

2005 zog Jon Corzine nach einem erfolgreichen Wahlkampf in New Jersey in die Gouverneursvilla ein. Mit einem Autounfall, bei dem er – nicht angeschnallt – verunglückte, begann sich das Blatt zu wenden. Der Republikaner Chris Christie fügte ihm vier Jahre später in dem von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelten Staat eine demütigende Schlappe zu.

Der Einstieg bei MF Global sollte für Corzine das Sprungbrett zurück in die Finanzwelt sein. Als er im April in seinem Privathaus in Manhattan zum ersten Spenden-Dinner für die Wiederwahl Präsident Barack Obamas einlud, spekulierten einige schon, Corzine sei bei einer zweiten Amtszeit Obamas im Weissen Haus ein heisser Anwärter für die Nachfolge Timothy Geithners im Finanzministerium.

Diese Träume sind nun genauso geplatzt wie die Risikoblasen bei MF Global. (T.S.)