Konkurse vs. Karteileichen

Dem Annus horribilis bei den Firmenpleiten könnte 2010 eine leichte Entspannung folgen. Und: Warum in Ausserrhoden alles anders ist, als es die Konkursstatistik glauben machen will.

Thomas Griesser Kym
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Folge der Krise: 2009 gab es Firmenkonkurse wie noch nie, mit der Kulmination im Dezember. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Folge der Krise: 2009 gab es Firmenkonkurse wie noch nie, mit der Kulmination im Dezember. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Urdorf. Seit Monaten haben uns die Wirtschaftsauskunfteien auf über 5000 Firmenkonkurse 2009 eingestimmt. Nun liegt das Ergebnis vor: Dun & Bradstreet (D&B) hat eine Rekordzahl von 5105 Pleiten gezählt, fast 1100 oder gut ein Viertel mehr als 2008. Ferner war laut D&B der Dezember mit 558 Firmenkonkursen der schwärzeste Monat der Geschichte. Erklärt wird dies damit, dass viele Firmen ihre finanzielle Substanz aufgebraucht hätten. Zudem erhöhten gegen Ende Jahr viele Gläubiger den Druck auf ihre Schuldner.

Lichter ist die Zahl der Neugründungen. 35 380 neue Firmen sind lediglich 4,3% weniger als im Vorjahr. Wie gross der Nettozuwachs an Firmen war, lässt sich noch nicht sagen, denn D&B ermittelt nicht die Zahl der Firmenlöschungen (und übrigens auch nicht der Privatkonkurse). Laut D&B-Rivale Creditreform waren 2009 bis Ende November 21 160 Firmen gelöscht worden.

Für 2010 erwartet Raphael Keller, Business Analyst bei D&B, eine in etwa stabile Zahl an Firmengründungen und einen Rutsch der Firmenkonkurse unter die Marke von 5000.

Traue keiner Statistik…

Bleibt die Frage nach regionalen und kantonalen Differenzen: Laut D&B gab es 2009 nur in zwei Kantonen weniger Firmenpleiten als 2008: In Luzern (–12,9%) und im Thurgau (–4,5%).

«Es scheint, als habe dem sehr ländlich geprägten Thurgau das stark präsente lokale Gewerbe zumindest bis Mitte Jahr oder gar Spätherbst eine gewisse Stabilität verliehen», folgert Analyst Keller.

Schlusslicht hingegen ist Appenzell Ausserrhoden: 55 Firmenpleiten (siehe Tabelle) sind zweieinhalb Mal so viel wie im Vorjahr (22). «Viele Finanzdienstleister, Holdings, Elektronikfirmen und Exporteure», sucht Keller nach Erklärungen.

Dieser Vergleich hinkt, wie auf Anfrage Daniel Kobler sagt, Registerführer des Ausserrhoder Handelsregisteramts. Das bereits seit Anfang 2008 geltende neue Revisionsrecht unterstellt Firmen mit mehr als zehn Vollzeitstellen generell mindestens der eingeschränkten Revisionspflicht. Keine Revisionsstelle zu haben bedeutet einen Mangel in der Organisation (OR Art. 731b). Wegen solcher Mängel konnten Firmen bisher in Liquidation gesetzt werden.

Mit dem neuen Recht kann der Richter gemäss OR 731b die Firma auflösen und ihre Liquidation anordnen – nach den Vorschriften über den Konkurs.

Karteileichen begraben

Laut Kobler ist Ausserrhoden bei solchen Korrekturlöschungen nicht mehr existenter Firmen ein Vorreiter in der Schweiz und hat so 2009 zahlreiche Karteileichen konkursamtlich liquidiert.

Rechnet man diese aus der Statistik heraus, zeigen sich laut Kobler in Ausserrhoden 16 Konkurse operativer Firmen für 2008 – und lediglich 12 für 2009 (–25%).

Im Kanton St. Gallen dagegen ruft das Handelsregisteramt erst dieser Tage 1400 GmbH ohne Revisionsstelle auf, diesen Mangel binnen 30 Tagen zu beheben. Andernfalls erfolgt die Überweisung an den Richter – was die St. Galler Konkursstatistik 2010 aufblähen könnte.

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