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KONJUNKTUR: Türkei übertrifft China

Die türkische Wirtschaft lässt sich von den innenpolitischen Spannungen, dem Krieg in Syrien oder dem Konflikt mit Europa nicht beirren. Die Konjunktur ist so stark, dass Ökonomen eine Überhitzung befürchten.
Gerd Höhler, Athen
Präsident Recep Tayyip Erdogan (3. v. l.) bei der Präsentation eines Projekts für eine neue Gaspipeline. (Bild: Gokhan Balci/Getty (Ankara, 20. März 2018))

Präsident Recep Tayyip Erdogan (3. v. l.) bei der Präsentation eines Projekts für eine neue Gaspipeline. (Bild: Gokhan Balci/Getty (Ankara, 20. März 2018))

Gerd Höhler, Athen

Massenverhaftungen, Krieg in Syrien, Spannungen mit den USA und Europa: Die türkische Wirtschaft scheint das kaltzulassen. Trotz erheblicher innen- und aussenpolitischer Turbulenzen wuchs das Bruttoinlandprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um 7,4 Prozent, wie das staatliche Statistikamt Turkstat jetzt meldete. Damit hat die Türkei beim Wirtschaftswachstum sogar China (6,9 Prozent) übertroffen. Stärkster Wachstumsmotor ist der Binnenkonsum.

Seit acht Jahren wächst die türkische Wirtschaft kontinuierlich. Sogar 2016, im Jahr des Putschversuchs, legte das BIP 3,2 Prozent zu. Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci spricht angesichts des Rekordwachstums des vergangenen Jahres von einem «spektakulären Erfolg». Die Türkei habe «die am schnellsten wachsende Wirtschaft Europas, sie hat die grösste Dynamik», freut sich der Minister und prognostiziert: «Daran wird sich in den nächsten zehn Jahren nichts ändern.»

Hohe Abhängigkeit von ausländischem Kapital

Das sehen nicht alle so. Denn die Türkei kämpft mit grossen Strukturproblemen. Viele Volkswirte fürchten eine Überhitzung der Konjunktur und warnen vor der Gefahr einer Finanzkrise. Grösste Schwäche der Türkei ist ihre hohe Abhängigkeit vom stetigen Zufluss ausländischen Kapitals. Dieses Problem verschärft sich jetzt, denn das Defizit in der Leistungsbilanz wächst. Es liegt deutlich über fünf Prozent des BIP. Im vierten Quartal stiegen die Importe um fast 23 Prozent, die Exporte hingegen nur um gut neun Prozent.

Das zeigt: Die Türkei lebt über ihre Verhältnisse. Zur Deckung dieses Defizits braucht das Land Kapitalzuflüsse. Aber viele ausländische Investoren meiden die Türkei wegen der politischen Risiken und steigender Zinsen im Dollarraum.

Die Ratingagentur Moody’s warnt vor der Gefahr eines ­«externen Schocks». Zu einem immer grösseren Risiko für das türkische Finanzsystem wird die hohe Verschuldung vieler Unternehmen in Fremdwährung. Die Auslandsverschuldung der Unternehmen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Sich in Dollar oder Euro zu verschulden, schien für die Firmen attraktiv, weil sie für diese Kredite viel weniger Zinsen zahlten als für Lira-Darlehen.

Mit dem zunehmenden Verfall der Lira verteuert sich aber der Schuldendienst enorm. Kostete ein Dollar noch vor fünf Jahren 1,75 Lira, stieg der Kurs diese Woche erstmals über vier Lira. Allein im März hat die türkische Währung sechs Prozent ihres Aussenwerts verloren. Der Lira-Verfall spiegelt die hohe Inflation von mehr als zehn Prozent und facht die Teuerung zugleich weiter an – ein Teufelskreis.

Eigentlich müsste die Zen­tralbank mit höheren Zinsen gegensteuern. Sie könnten den Lira-Verfall bremsen, die Inflation dämpfen und so für den ­Zufluss dringend benötigten Fremdkapitals sorgen. Aber Notenbankchef Murat Cetinkaya sind die Hände gebunden. Zinserhöhungen sind politisch an allerhöchster Stelle nicht gewollt. Im vergangenen Jahr hat Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Konjunktur mit Steuervergünstigungen, Subventionen, grossen Infrastrukturprojekten, staatlichem Wohnungsbau und Kreditbürgschaften angekurbelt.

Auch 2018 dürfte es bei dieser Politik bleiben. Erdogan gibt Gas, denn spätestens im Herbst 2019 muss er wichtige Parlaments- und Präsidentenwahlen gewinnen. Da passen höhere Zinsen, die den Konsum bremsen würden, nicht ins Konzept.

Der frühere Notenbanker und ­Finanzkolumnist Ugur Gürses warnt, man könne «nicht von einem gesunden und nachhaltigen Wachstum sprechen». Es fehle an langfristigen Auslandsinvestitionen. Bedarf für eine Kurskorrektur erkennt offenbar auch Mehmet Simsek, der für Wirtschaft und Finanzen zuständige Vizepremier. Er kritisierte jetzt bei einem Kongress im westtürkischen Bursa, bisher seien zu viele Investitionen in die Bauwirtschaft geflossen. Simsek appellierte, mehr in Forschung und Entwicklung sowie Technologie zu investieren.

Werden die Wahlen vorgezogen?

Auch Präsident Erdogan dürfte klar sein, dass der Boom nicht ewig dauern wird. Manche politische Beobachter glauben deshalb, dass der Staatschef die Wahlen auf dieses Jahr vorzieht – solange er noch Rückenwind aus der Wirtschaft hat.

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