KONJUNKTUR: «Starke Aufwertung ist nach wie vor eine Gefahr»

UBS-Chefökonom Daniel Kalt sagt, welche Einflüsse die Wirtschaft in der Schweiz positiv und negativ beeinflussen, und blickt auf die internationale Geldpolitik.

Thorsten Fischer
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Daniel Kalt, Chefökonom der UBS, stellt eine rückläufige Beschäftigung in der Industrie fest. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 20. März 2017))

Daniel Kalt, Chefökonom der UBS, stellt eine rückläufige Beschäftigung in der Industrie fest. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 20. März 2017))

Interview: Thorsten Fischer

Daniel Kalt, die jüngsten Entscheide der Notenbanken überraschen nicht mehr. Die USA heben den Zins leicht an, Europa und die Schweiz halten wie erwartet still. Ist diese Vorhersehbarkeit gut für die Märkte?

Im Zweifelsfall ist es eher gut für die Finanzmärkte, wenn Notenbanken nicht überraschen müssen. Vor allem aggressive Zinssteigerungen wären negative Überraschungen. Weil die Notenbanken aber einen sehr behutsamen Zinsanstieg signali-sieren, besteht die Chance, dass sich die Aktienmärkte weiter positiv entwickeln. Scharfe Kurswechsel sind derzeit ohnehin eher unwahrscheinlich. Wenn etwa die amerikanische Notenbank Fed die Zinsen zu aggres-siv erhöhen würde, erhielte der Dollar Auftrieb. Ein starker und teurer Dollar ist aber nichts, das US-Präsident Donald Trump will.

In den Niederlanden haben nationalistische Kräfte an den Wahlen weniger stark zugelegt als erwartet. Ginge es in Frankreich dem Front national und Marine Le Pen ­ähnlich, würde das nervöse Investoren beruhigen, die einen Frexit befürchten?

Unabhängig vom Ausgang der französischen Wahlen kann man sich fragen, wie gross die langfristigen Auswirkungen am Markt sein werden. Ein Sieg von Marine Le Pen beispielsweise könnte zwar für Überraschung sorgen und kurzfristig Verunsicherung auslösen. Aber bereits der Austritt Frankreichs aus der EU und dem Euro, der Frexit, ist schwieriger zu bewerkstelligen als in Grossbritannien. Für einen Frexit bräuchte es zusätzlich einen Parlamentsbeschluss. Und hier muss sich erst zeigen, wie die Mehrheiten sind.

In der Schweiz fällt das wirtschaftliche Wachstum inzwischen eher bescheiden aus. Wie lautet Ihre Diagnose?

Während die Schweiz bis 2014 noch höhere Wachstumsraten von 2 bis 2,5 Prozent aufwies, entwickelt sie sich jetzt mit 1,5 Prozent gedämpft. Viele frühere Wachstumstreiber verlieren an Kraft. Der Exportsektor investiert kaum, die Beschäftigung in der Industrie ist seit drei Quartalen rückläufig. Der Bauboom neigt sich dem Ende zu, auch weil die Migration in die Schweiz abnimmt.

Droht ein Stillstand oder gar ein Rückschritt?

Die aktuelle Entwicklung bedeutet nicht, dass die Schweiz in eine Rezession gehen wird. Aber eine Gefahr ist nach wie vor die starke Aufwertung des Frankens. Die Nationalbank muss immer noch massiv intervenieren, um das Wechselkursverhältnis vom Franken zum Euro zu schwächen.

Das Team der UBS-Ökonomen spricht mit Blick auf das Jahr 2017 von einem «End Game». In welcher Hinsicht tauchen die Märkte denn in eine finale Phase ein?

Einiges, das die Entwicklung bisher beeinflusste, neigt sich dem Ende entgegen. Die ultraexpansive Geldpolitik der Notenbanken etwa. Die US-Notenbank hat hier die ersten Schritte getan. Wir erwarten aber zudem, dass die Europäische Zentralbank dieses Jahr ein Herunterfahren des Anleihenkaufprogramms für 2018 ankündigen wird. Das würde den Euro stärken. Gerade für die Nationalbank und den starken Franken wäre das sehr willkommen.