KONJUNKTUR: Gute Nachrichten für die Schweiz

Nach einem Durchhänger dürfte sich das Wachstum der Schweizer Wirtschaft beschleunigen. Das erwartet Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz bei der UBS, der im Thurgau referierte.

Martin Sinzig
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UBS-Ökonom Daniel Kalt spricht von einem «eher lauwarmen» Wirtschaftswachstum in der Schweiz, das sich nun aber «deutlich beschleunigen» dürfte. (Bild: Urs Bucher)

UBS-Ökonom Daniel Kalt spricht von einem «eher lauwarmen» Wirtschaftswachstum in der Schweiz, das sich nun aber «deutlich beschleunigen» dürfte. (Bild: Urs Bucher)

Interview: Martin Sinzig

Daniel Kalt ist als Chefökonom Schweiz bei der UBS Teil eines globalen Teams von Ökonomen und Anlageexperten. Sie beobachten permanent die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte und empfehlen Anlagen. Am Mittwochabend vermittelte Kalt auf dem Wolfsberg in Ermatingen vor Anlagekunden einen Wirtschaftsausblick.

Daniel Kalt, welches sind die wichtigsten Ereignisse des zu Ende gehenden Jahrs?

Auf globaler Ebene sehen wir ­einen erheblichen Kontrast. Die US-Wirtschaft ist in robuster Verfassung, und Europa ist richtig gut in Fahrt. Andererseits herrschen grosse politische Verunsicherungen mit Nordkorea oder mit einer schwierigen Situation für Angela Merkel nach der Bundestagswahl in Deutschland. Aber die Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten hat das politische Risiko eher verringert.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Lage der Schweiz?

Die Schweiz ist mit tieferen Wachstumszahlen als erwartet ins 2017 gestartet. Darum mussten wir auch unsere Wachstumsprognose für das Bruttoinlandprodukt für das laufende Jahr von 1,4 auf 0,8 Prozent revidieren. Die wesentlichen Faktoren sind: Der Wachstumstreiber der Einwanderung nimmt ab, der Bauboom läuft langsam aus, und der Frankenschock wirkt immer noch nach. Die Unternehmen investieren nicht besonders stark in der Schweiz, sondern es gibt weiterhin Verlagerungen von Wertschöpfungsketten ins Ausland. Das alles führt zu einem eher lauwarmen Wachstum in der Schweiz. Es ist okay, aber nicht berauschend.

Inwieweit hilft der seit geraumer Zeit rund laufende Konjunkturmotor unseres wichtigsten Handelspartners Deutschland?

Deutschland läuft deutlich besser und hatte in den vergangenen zwei, drei Jahren starken Rückenwind dank des schwachen Euro. Wir haben im gleichen Zeitraum das Gegenteil erfahren mit unserer sehr starken Währung. Andererseits ist Deutschland ein wichtiger Transmissionsriemen für die Schweizer Exportwirtschaft. Wenn Deutschland läuft, kommt die Nachfrage auch bei uns besser in Fahrt.

Der Franken ist in den letzten Wochen schwächer geworden. Mit welchen Folgen?

Der Franken muss sich längere Zeit auf dem gegenwärtigen Niveau von 1.15 oder 1.16 Franken pro Euro halten, dann kann das einen zusätzlichen Impuls geben. Die Schweizer Tourismusbranche spürt das vielleicht bereits im kommenden Winter mit mehr Gästen aus europäischen Ländern. Industriefirmen können die Margen möglicherweise etwas ausweiten oder werden preislich etwas wettbewerbsfähiger. Bis man diese Effekte in den Zahlen sieht, braucht es aber seine Zeit.

Dennoch sind das alles gute Nachrichten für die Schweiz.

Ja, das sind gute Nachrichten, und darum erwarten wir für die zweite Jahreshälfte 2017 und für das neue Jahr eine deutliche Beschleunigung des Wachstums in der Schweiz. Konkret rechnen wir für 2018 mit einem Anstieg des realen Wachstums unserer Wirtschaft von 0,8 auf 1,8 Prozent.

Was ist bei den tiefen Zinsen zu erwarten?

Die US-Notenbank will die Zinsen weiter anheben, während wir in Europa noch weit von einer Zinswende entfernt sind. Die Europäische Zentralbank müsste zuerst ihr Anleihenkaufprogramm herunterfahren, und darum dürfte es 2019 oder 2020 werden, bis wir auch in der Schweiz die Negativzinsen nur mal an die Nulllinie heranführen können.

Das tönt nach einem langen Weg. Was braucht es, damit er gelingt?

Das wird ein sehr langer Weg, und er wird nur dann gelingen, wenn der schon über acht Jahre dauernde Aufschwung in den USA nochmals zwei Jahre anhält. Die Zinsanpassung ist also möglich, aber es darf auf geopolitischer Ebene nichts Gravierendes passieren.