KONJUNKTUR
Die Ostschweizer Industrie ist in Feierlaune: Kapazitäten besser ausgelastet als vor der Pandemie

Die Coronakrise habe keinen langfristigen Wertschöpfungsverlust verursacht. Das sagt das Konjunkturboard Ostschweiz aufgrund der Unternehmensumfrage der ETH. Denn diese zeigt: Die Erholung geht weiter.

Kaspar Enz
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Die Ostschweizer Industrie profitiert vom Aufschwung. Das trifft besonders auf die Haager VAT zu: Sie baut Vakuumventile für die Halbleiterindustrie, die derzeit ihre Kapazitäten ausbaut.

Die Ostschweizer Industrie profitiert vom Aufschwung. Das trifft besonders auf die Haager VAT zu: Sie baut Vakuumventile für die Halbleiterindustrie, die derzeit ihre Kapazitäten ausbaut.

Bild: Karin Hofer

Regelmässig befragt die Konjunkturforschungsstelle der ETH Unternehmen aus der ganzen Schweiz, wie sie ihre Geschäftslage einschätzen, über 700 davon allein in der Ostschweiz. Die Resultate der Umfrage zeichnen ein eindeutiges Bild, meint Alessandro Sgro, Chefökonom der IHK St.Gallen-Appenzell: «Die Erholung geht weiter», sagte er an der Präsentation des neusten Berichts des Ostschweizer Konjunkturboards. Die Ostschweizer Unternehmen sind dabei noch besser gelaunt als im Rest der Schweiz.

Industrie ist gut ausgelastet

Bei der Industrie ist die Stimmung sogar besser als vor der Pandemie. Dafür sorgt eine starke Nachfrage aus dem Ausland. «In der Region St.Gallen-Appenzell ist die Auslastung der Produktionskapazitäten sogar so hoch wie seit der Finanzkrise nicht mehr», sagt Sgro. Auch die Bauwirtschaft ist stark ausgelastet, allerdings hatte sie unter der Pandemie auch wenig gelitten.

Von den Pandemiemassnahmen stark getroffen wurde hingegen der Detailhandel. Doch auch diese Branche ist wieder zuversichtlich. Viele Leute haben Geld in der Tasche, gerade nach der Pandemie, meint Sgro. Und das geben sie immer noch gerne im Inland aus – der Einkaufstourismus bleibt auf einem tiefen Niveau. Ein anderer Effekt der Krise sei aber, dass der Trend zum Onlinehandel anhält.

Transportpreise vervielfacht

Die rasche Erholung der Nachfrage aus aller Welt hat auch Schattenseiten. Die Preise für Rohstoffe sind in den letzten Monaten stark gestiegen: Öl ist 65 Prozent teurer als vor einem Jahr, Eisenerz 61 Prozent. Explodiert sind auch die Preise für einen Containertransport von China nach Europa: Das ist nun mehr als sechs Mal teurer als vor einem Jahr. Das habe verschiedene Gründe. Die Lockdowns und die ungleichmässige Erholung – erst in China, dann in den USA – haben die Transportwege durcheinandergebracht, sagt Beat Schiffhauer, Konjunkturexperte bei der SGKB. «Die Container stehen zum Teil in den falschen Häfen. Bis sich das wieder einpendelt, kann es ein Jahr gehen.»

Die grössten Engpässe bestehen aber bei Computerchips. «Die Hersteller bauen die Kapazitäten aus», sagt Schiffhauer. Doch bis die neuen Produktionsanlagen der Nachfrage nachkommen, könne es mindestens fünf Jahre dauern. Grund für den Mangel seien aber nicht nur Nachholeffekte nach der Pandemie, sagt Caroline Hilb, Anlagechefin der St.Galler Kantonalbank und ebenfalls Mitglied des Konjunkturboards. «Die Pandemie hat die Digitalisierung beschleunigt, digitale Geräte werden viel mehr gebraucht. Das hebt die Nachfrage auf ein anderes Niveau.»

Dass die Preissteigerung langfristig zu Inflation führen würde, glaubt das Konjunkturboard nicht. Einerseits dürften sich die Transportkosten und die Rohstoffpreise mit der Zeit wieder einpendeln. Andererseits gibt der erstarkende Franken Gegensteuer.

Der Fachkräftemangel ist zurück

Eine Erholung zeichnet sich auch auf dem Arbeitsmarkt ab. In den ersten Monaten der Pandemie beurteilten die meisten Unternehmen aller Branchen ihren Personalbestand als zu hoch. Nun hat sich das geändert. Die Unternehmen schätzen ihren Personalbestand als angemessen ein. 20 Prozent der Industriebetrieb und über ein Drittel der Bauunternehmen sprechen aber bereits wieder vom Personalmangel. «Der Fachkräftemangel ist damit wieder auf Vorkrisenniveau», sagt Alessandro Sgro.

Die meisten Unternehmen sind auch für die nächsten Monate zuversichtlich. Vor allem der Maschinenbau erwarte eine weitere Verbesserung der Geschäftslage, während sich die Bauwirtschaft solide entwickeln wird. Die Zuversicht steige auch in der Bevölkerung. «Die Pandemie verursacht damit keinen langfristigen Wertschöpfungsverlust», sagt IHK-Sprecher Jan Riss.

Covid-Zertifikat ist ein wichtiges Mittel

Das Konjunkturboard geht dabei aber von einer erfolgreichen Impfkampagne aus. Und davon, dass die stufenweise Öffnung weitergeht. Weitere Massnahmen sollten sich nach der Auslastung der Spitäler richten und nicht nach Fallzahlen. Wo nötig, könne man punktuell Massnahmen ergreifen. Möglichst ohne die Wirtschaft direkt zu tangieren, sagt Riss. «Mit dem Covid-Zertifikat verfügen wir auch über ein geeignetes Mittel dafür.»

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