«Knallharte Basisarbeit»

Trotz Trendwende bei den Hotelübernachtungen hat Schweiz Tourismus viel zu tun. Direktor Jürg Schmid über die Wintersaison, deutsche Gäste und die Folgen der Zuwanderungs-Initiative.

Stefan A. Schmid
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«Wir leben in einer Instantgesellschaft»: Jürg Schmid. (Bild: Schweiz Tourismus)

«Wir leben in einer Instantgesellschaft»: Jürg Schmid. (Bild: Schweiz Tourismus)

Herr Schmid, Frühlingswetter im Februar – viele fahren Velo statt Ski. Ist der Winter für den Schweizer Tourismus schon gelaufen?

Jürg Schmid: Erst nach Ostern wird Bilanz gezogen. Aber natürlich ist der milde Winter für unsere Branche nicht gerade von Vorteil. Bald erscheinen die ersten Gartenmöbel- und Bikini-Beilagen in den Zeitungen. Spätestens dann wird es schwierig, die Menschen fürs Skifahren zu begeistern. Problematisch war aber auch der starke Föhn. An gewissen Tagen mussten einzelne Bergbahnen trotz eigentlich guter Verhältnisse den Betrieb unterbrechen. Ich kann mich an keinen anderen Winter mit solchen Wetterkapriolen erinnern.

Es ist aber doch seit Jahren so: Sobald im Unterland der Frühling Einzug hält, bringt man die Menschen kaum mehr auf die Pisten.

Schmid: Wir leben in einer Instant-Gesellschaft. Der Konsument will immer wieder was Neues, und er will es sofort: Erdbeeren mitten im Winter, beim ersten Schneefall Anfang Winter auf die Ski – und dass schon möglichst alle Bahnen in Betrieb sind. Steigen die Temperaturen Anfang Jahr auf 15 Grad, sieht man die ersten Mountainbiker im T-Shirt herumkurven. Hier Gegensteuer zu geben, ist extrem schwierig. Dabei gibt es auf der Terrasse im Skigebiet nichts Schöneres als angenehm warme Temperaturen. Just am Wochenende war ich Skifahren in Graubünden. Schnee, Wetter, Pistenverhältnisse – alles perfekt.

Der Werbespot ist plaziert. Die Bergbahnen aber beklagen nach einem guten Dezember eher enttäuschende Zahlen im Januar und Februar. Der «Tages-Anzeiger» schreibt gar von «fast leeren Pisten». Ihr Eindruck?

Schmid: Die Aussage «fast leere Pisten» scheint mir überspitzt. Aber ein Sonderfaktor sollte berücksichtigt werden: Dieses Jahr liegt Ostern spät. Das bedeutet, dass sich die Ferien- und Sportwochen über einen langen Zeitraum erstrecken. Der Vergleich mit dem Vorjahr ist folglich nicht ganz repräsentativ. Die Ökonomen von BAK Basel gehen von einem Plus bei den Hotelübernachtungen diesen Winter von 2,9 Prozent aus. Ich glaube nach wie vor, dass dies realistisch ist.

2013 standen die Zeichen punkto Hotelübernachtungen auf Erholung. Wie sieht die Ertragsseite aus?

Schmid: Die Preise sind gegenüber dem Vorjahr ungefähr stabil geblieben. Stattgefunden hat aber eine Flexibilisierung durch Bündelangebote. Beispiele sind Spezialpreise für Tageskarten oder der Skipass oder die Skischule inklusive. Die Hotellerie hat sich den Aufschwung also auch durch kreative Angebote erarbeitet. Ich sage bewusst nicht erkauft, denn der Konsument erwartet solche Angebote heute schlicht und einfach.

Ein Sorgenkind bleibt der deutsche Gast: Hier gingen die Übernachtungszahlen in den letzten drei Jahren um über 20 Prozent zurück. Auch 2013 zeigt ein kleines Minus. Nun hat Schweiz Tourismus eine Marketingoffensive in Deutschland angekündigt. Was wird getan?

Schmid: Wir sind noch in der Konzeptionsphase. Mit Sicherheit erwartet uns in Deutschland aber ein langer, steiniger Weg – da ist knallharte Basisarbeit gefragt. Wir werden nicht versuchen, über den Preis zu punkten, sondern über einzigartige Erlebnisse: vom Nationalpark bis zum Bernina-Express. Das Zusatzbudget für die Rückgewinnung unserer deutschen Gäste wird für 2014 und 2015 jeweils 3 bis 3,5 Millionen Franken betragen.

«Grüezi Deutschland» soll die Kampagne heissen, konnte man lesen. Nach dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative der SVP könnte das so interpretiert werden: Deutsche Gäste will man, deutsche Arbeitskräfte aber nicht.

Schmid: «Grüezi Deutschland» ist nur der Arbeitstitel. Wir sind in der Gastronomie und der Hotellerie auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Hier braucht es eine politische Lösung.

Erleidet der Schweizer Tourismus im Ausland einen Imageverlust?

Schmid: Hilfreich ist das Abstimmungsresultat sicher nicht. Allerdings sollte man nicht dramatisieren. Entscheidend für den Gast sind das Erlebnis, die Attraktivität einer Destination und natürlich der Preis. Bei den deutschen Gästen haben wir wegen der Euroschwäche und der damit verbundenen höheren Preise in den letzten Jahren stark verloren. Das Image des Ferienlandes Schweiz in Deutschland ist dagegen nach wie vor sehr gut.

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