Klimapolitik senkt Energiehunger nur wenig

Selbst wenn die Industriestaaten ihre klimapolitischen Versprechen halten, wächst der Energieverbrauch. Hauptgrund: China und Indien jagen wirtschaftlich den weiterwachsenden Industriestaaten hinterher.

Hanspeter Guggenbühl
Drucken
Teilen

Die wichtigste Annahme, die dem gestern veröffentlichten Weltenergie-Ausblick der Internationalen Energieagentur (IEA) zugrunde liegt, findet man erst auf Seite 59 des 730seitigen Berichts: Die IEA geht davon aus, dass die globale Wirtschaft zwischen 2008 und 2035 um durchschnittlich 3,2% pro Jahr wachsen wird.

Damit würde die Welt im Jahr 2035 wertmässig mehr als doppelt so viele Güter und Dienstleistungen produzieren als im (Vorkrisen-)Jahr 2008.

Die Steigerung der Energieeffizienz, so nimmt die IEA weiter an, kann diesen ökonomischen Mengeneffekt nur teilweise kompensieren. Deshalb wächst der Primär-Energieverbrauch bis 2035 in allen drei Szenarien weiter, je nach Politik aber in unterschiedlichem Ausmass:

• Im Hauptszenario steigt die Nachfrage nach Primärenergie von 2008 bis 2035 um total 36%. Bei diesem Szenario erwartet die IEA, dass die Regierungen ihre energie- und klimapolitischen Ankündigungen erfüllen, die sie an verschiedenen Konferenzen abgegeben haben. Dazu gehören etwa die CO2-Reduktionsziele, welche sich die Industriestaaten nach der Konferenz in Kopenhagen setzten. Dank dieser optimistischen Annahmen nimmt der globale Energieverbrauch in den nächsten 27 Jahren weniger stark zu als in der Vergangenheit – und auch weniger stark, als die IEA in früheren Referenzszenarien prognostizierte (siehe Grafik).

• Das Referenzszenario geht davon aus, dass die Staaten ihre bisherige Politik unverändert weiterführen. In diesem Fall wächst der gesamte Energiebedarf bis 2035 um 45%.

• Beim Klimaszenario rechnet die IEA mit einer konsequenteren Klimapolitik, die darauf abzielt, die Klimaerwärmung langfristig auf 2 °C zu begrenzen. Damit wird die Welt im Jahr 2035 aber immer noch 21% mehr Energie verbrauchen als heute.

Die Zunahme der Energienachfrage geht in erster Linie aufs Konto der Schwellen- und Entwicklungsländer; im Hauptszenario zu 93%. Das rührt daher, dass die Schwellenländer – allen voran die bevölkerungsreichen Staaten China, Indien und Brasilien – wirtschaftlich allmählich aufholen gegenüber den weiterwachsenden Industriestaaten. Trotzdem bleibt das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf, das als Massstab für die wirtschaftliche Entwicklung herangezogen wird, in den Schwellenländern auch

im Jahr 2035 noch deutlich unter dem Niveau der in der OECD zusammengeschlossenen Industriestaaten.

Oder umkehrt: Wenn alle Chinesinnen, Inder und Afrikanerinnen 2035 so leben wollten und könnten wie wir in der Schweiz schon heute, würde der Energieverbrauch noch weit stärker wachsen, als es die IEA prognostiziert.

Aktuelle Nachrichten