Klarheit für Konsumenten

Die Schweiz bleibt vom Dioxinskandal wohl verschont. Konsumenten- und Tierschutzverbände fordern dennoch ein Umdenken, was die Lebensmittelsicherheit und das Tierwohl angeht.

Pieter Poldervaart
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Genauer hinschauen will Deutschland nach dem Dioxinskandal. (Bild: dapd/Harald Tittel)

Genauer hinschauen will Deutschland nach dem Dioxinskandal. (Bild: dapd/Harald Tittel)

Basel. Bis anhin 100 Mio. € kostet der Skandal um mit Dioxin verunreinigte Futtermittel die deutsche Landwirtschafts- und Lebensmittelbranche. Die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner reagierte am Freitag mit einem Zehn-Punkte-Plan, um in Zukunft ähnliche Vorkommnisse zu verhindern. Die Futtermittelhersteller sollen nach Aigners Willen zur Prüfung der Zutaten verpflichtet werden und die Ergebnisse melden. Geplant sind auch eine Zulassungspflicht und eine vorgeschriebene Haftpflichtversicherung. Die Konsumentenverbände reagierten positiv und fordern eine rasche Umsetzung des Konzepts.

Gastronomie im Rückstand

In die Schweiz wurden bislang offenbar weder beeinträchtigte Hühnereier noch Pouletfleisch oder Futtermittel importiert, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bestätigt. Bei den Lebensmitteln sei ein Importverbot zurzeit nicht notwendig, sagt BAG-Sprecherin Sabina Müller: «Gemäss den Ermittlungen in Deutschland sind keine Lieferungen von übermässig mit Dioxin belasteten Produkten in die Schweiz erfolgt; verdächtige Betriebe wurden gesperrt. Daher ist nicht damit zu rechnen, dass jetzt noch solche Produkte auf den Markt gelangen.» Trotzdem fordern nun mehrere Verbände, bei der Lebensmittelsicherheit und beim Tierwohl vorwärtszumachen – denn dies entspreche den Erwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten (siehe Befragt).

Industrie-Ei als Problem

Der Schweizer Tierschutz STS belegt diesen Trend mit einer aktuellen Umfrage bei den Grossverteilern. Demnach sind einzig die Discounter Lidl und Aldi sehr zögerlich in Sachen Tierschutz und setzen hauptsächlich auf möglichst billige Lebensmittel. «Kein offenes Ohr für das Tierwohl hat zudem der Grossteil der Gastronomie», kritisiert der STS. Um den Konsumenten eine Möglichkeit zum Handeln zu geben, pocht die Nutztierschutzorganisation Kagfreiland darauf, bei der Deklaration von verarbeiteten Eiprodukten mehr Transparenz zu schaffen.

Denn hierzulande sei die Bevölkerung stark sensibilisiert, was die Produktionsweise von Hühnereiern angehe, sagt Nadja Brodmann, Zoologin und zuständig für den Fachbereich Geflügel bei Kagfreiland: «Wenn heute auf Guezli, Spätzli oder Mayonnaise bezüglich Ei keine Angaben stehen, handelt es sich um importiertes Käfig-Ei aus der EU.» Und in solcher Massentierhaltung – egal ob Käfig oder riesige Hallenbodenhaltung – seien oft nicht nur die Haltungsbedingungen miserabel, sondern es werde auch in der Fütterung gepfuscht. «In Deutschland findet ein enormer Preiskampf statt, der auf Kosten der Lebensmittelqualität geht. Diese ist in der Schweiz aufgrund des höheren Preisniveaus meist deutlich besser», sagt Brodmann. Dass sich unser Land durch Importe nicht ebenfalls dioxinbelastete Lebensmittel einhandelte, sei allerdings reiner Zufall. «Ebenso gut hätte es anders kommen können», sagt Brodmann.

Migros macht es vor

Die Dioxinmengen seien bei verarbeiteten Produkten naturgemäss kleiner. «Doch auch kleinste Mengen dieses Gifts können krebserzeugend sein, wenn sie sich über die Jahre im Fettgewebe anreichern», sagt Brodmann. Neben der menschlichen Gesundheit ist bei Kagfreiland auch das Wohl der Nutztiere ein zentrales Anliegen. Entsprechend fordert die Nutztierschutz-Organisation zusammen mit der Stiftung für Konsumentenschutz, dass in Zukunft nicht nur die Herkunft von ganzen Eiern, sondern neu auch jene von Ei-Bestandteilen deklariert wird. Um bei den Verarbeitern ein Umdenken zu erreichen, wäre der Herkunftshinweis «EU» ein wichtiger Hebel, ist die Zoologin überzeugt. Noch weiter ging kürzlich die Migros: In ihrer Guezli-Linie «Tradition» setzt sie ganz auf Schweizer Freilandeier.

Wenig tierfreundliche Importe

Schon heute aber können die Konsumenten importierte Eier in verarbeiteten Produkten gezielt umgehen, indem sie auf Ware von Labels setzen. Neben den verschiedenen Bio-Linien bürgen auch IP-Suisse (Manor), TerraSuisse (Migros) sowie Naturafarm (Coop) für einwandfreie Eizusätze aus Schweizer Herstellung. Ebenso eindeutig – im negativen Sinn – ist der Fall bei tierischen Produkten ausländischer Provenienz, wie Brodmann deutlich macht: «Deutscher Rauchschinken stammt aus Schweinefabriken, italienische Eierteigwaren enthalten Käfigeier.»