Kinder, geboren mit Antennen

Drucken
Teilen

Cyborg Neil Harbisson hört Farben, und wenn er schläft, dann träumt er Farben als Töne. Sein grösster Traum ist: «Wir sollten unseren Planeten nicht weiter verändern, sondern wir sollten uns modifizieren, uns, die Spezies Mensch, und uns mit anderen Spezies vernetzen», sagte er am Symposium St. Gallen.

Willkommen in der Welt des laut eigener Einschätzung ersten Cyborgs der Geschichte. Cyborg steht für kybernetischer Organismus, ein Körper, dauerhaft ergänzt durch künstliche Bauteile. Gemäss dieser Definition gelten technisch gesehen jedoch auch alle Menschen etwa mit einem Herzschrittmacher als Cyborg. Wie auch immer: Harbisson (32), Sohn katalanischer und nordirischer Eltern, ist seit seiner Geburt farbenblind. Also entwickelte er, damals noch kaum 20 Jahre jung, zusammen mit Wissenschaftern einen Eyeborg, wie er das Gerät nennt. Dazu liess er sich die Schädeldecke aufbohren, einen Chip implantieren, und dieser ist mit einem Farbsensor verbunden, der über seinen Kopf ragt. Anfangs musste sich Harbisson regelmässig an den Strom anstöpseln, um den Chip zu laden, mittlerweile wird er von seiner Körperenergie gespiesen.

«Ältere fürchten sich, Junge sind begeistert»

Der Sensor nimmt Farben wahr und sendet sie an den Chip in Harbissons Kopf, wo die Farbfrequenzen in Vibrationen umgewandelt werden. Das macht es ihm möglich, die Farbe zu interpretieren. Als Nächstes hätte er gerne rund um den Kopf zwischen Haut und Schädelknochen ein Implantat, Harbisson nennt es Orbit, das ihm permanent die Zeit signalisiert. Andere Menschen benutzen dafür eine Armbanduhr, wie Moderator Stephan Sackur bemerkte. Aber er sei «als Oldie wohl zu alt» für Harbissons Ideen. Dieser stimmt zu: «Ältere fürchten sich davor, Junge sind begeistert.»

Harbisson geht es darum, wie er sagt, «meine Sinne zu erweitern», um künstliche Sinne. Noch lieber freilich wären ihm mehr natürliche Sinne. Andere Lebewesen seien von Natur aus mit Antennen ausgestattet. Wäre dies auch beim Menschen möglich, könnte er seine metallene Antenne, den Eyeborg, ablegen. Die Frage Sackurs, ob er es begrüssen würde, wenn er Kinder haben könnte, die mit Antennen zur Welt kommen, bejahte Harbisson freudig. Wobei er den Kreis schloss zu seiner anfangs angeregten Modifikation der Spezies Mensch. «Wenn wir im Weltraum leben wollen, müssen wir uns verändern», sagte er – wobei er nicht darauf einging, wie viele Menschen überhaupt die Erde zu verlassen gedenken. (T. G.)